Kitsch des Diasporesken

Marcel Matthies kritisiert die vermeintlich progressive Idealisierung jüdischer Exil-Erfahrung.

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»Wer es nicht wußte, den hat es später der Alltag des Exils gelehrt: daß nämlich in der Etymologie des Wortes Elend, in dessen früher Bedeutung die Verbannung steckt, noch immer die getreueste Definition liegt.« (Jean Améry)

Anhänger eines pseudo-progressiven Antizionismus beziehen sich meist positiv auf den angeblich wahren Geist eines universellen Judentums, auch um damit ihre ›Israelkritik‹ gegen den Antisemitismus-Vorwurf zu immunisieren. Weil ›der Jude‹ als Fleischwerdung ewigen Exils unvereinbar mit realer jüdischer Souveränität und Territorialität sei, stellt Israel für sie den Stachel im Fleisch dar. - Dieser Denktradition liegt ein wiederkehrendes Motiv zugrunde: die Idealisierung der Exil-Erfahrung. Demnach sei die jüdische Existenz-weise durch eine bestimmte Grundhaltung zur Welt geprägt, die über territoriale Grenzen hinweg gehe und folglich nicht an einen besonderen Ort, sondern an Erinnerung, Schrifttradition und Menschlichkeit gebunden sei. Dem wahren Geist des Judentums wohne daher eine besondere Sensibilität für Fremdheit, Ohnmacht, Ausschluss und eine allumfassende Humanität inne.

Namhafte deutschsprachige Vertreter dieser Geistigkeit sind Franz Rosenzweig, Martin Buber, Walter Benjamin, Vilém Flusser und auch Hannah Arendt. Bei Rosenzweig ist die existentielle Erfahrung des Exils metaphysisch aufgeladen: Exil ist bei ihm nicht bloß als eine historisch-politische Kategorie, sondern als ein überzeitliches Bild für die menschliche Existenz überhaupt zu verstehen. Juden wird insbesondere in akademischen Modellen die Rolle zugewiesen, »Träger der Einsicht in die existentielle Unbehaustheit des Menschen auf Erden« zu sein, so die Germanistin Vivian Liska: »Nach den nationalsozialistischen Verbrechen lag es nahe, den jüdischen Mythos der ewigen Wanderschaft und des Exils und die darin begründete Privilegierung einer geistigen Verwurzelung im Gesetz, im Wort, im Buchstaben als Alternative zu nationalen oder geografischen Wurzeln zu reaktivieren und das alte Politikum unter umgekehrtem Vorzeichen aufzugreifen: das Exil-Judentum als Sand im Getriebe der Nationalismen verschiedenster Provenienz.«

Diese Denkfigur des jüdischen Exils glorifiziert die Position der Ohnmacht: Sie affirmiert einen Zustand der Weltlosigkeit, der dadurch gekennzeichnet ist, dass Juden sich in der Zerstreuung von der Gnade und Toleranz der Nicht-Juden abhängig machen. Als besondere Qualität gilt dabei, dass Juden aufgrund der Diaspora- und Unterdrückungserfahrung früher und radikaler als andere Bevölkerungsgruppen jenseits nationalstaatlicher Grenzen zu denken gezwungen waren. Das klingt dann bei einem hypokritischen Theoretiker wie Daniel Loick so, als hätte er sich an Rosenzweig besoffen gelesen: »Anders als alle anderen Völker sind die Juden ein Volk ohne territoriale Bindung. [...] Durch die diasporische Existenz außerhalb der von Gewalt durchzogenen Weltgeschichte sind es gerade die Jüdinnen und Juden, die eine Erfahrung vorwegnehmen, welche die anderen Völker erst noch erstreben.« Laut dieser Aussage kommt Juden in der Diaspora eine besonders avantgardistische Position unter den Völkern dieser Welt zu, gerade weil ihnen eine höhere geistige Bewusstseinsstufe zugewiesen wird, deren Botschaft lautet, es sei gut, heimat- und wehrlos zu sein. Paradoxerweise erscheint linken Antizionisten gerade nach dem Katastrophengeschehen an den Erschießungsgruben und in den Vernichtungslagern das Prinzip jüdischer Exterritorialität als absolut innovativ und produktiv. Es ist, als müsse dem Sturz in den bodenlosen Abgrund ein Sinn übergestülpt werden, damit etwas Gutes aus dem Bösen entsteht. Der Sinngebung durch das Diaspora-Modell liegt ein transnationales Verständnis zugrunde, das sich als humanistischer Kosmopolitismus, als anarchistischer Anti-Nationalismus, als sozialistischer Internationalismus oder als Mischform artikuliert.

Zugleich zielt die Reduktion auf diasporeske Aspekte des wahrhaft Jüdischen in dreierlei Hinsicht darauf ab, den 1948 in der alten Heimat neu gegründeten Judenstaat zu delegitimieren: Erstens trägt die Vorstellung von der Inkarnation eines wesenhaften Exils der Juden nicht dem katastrophalen Geschehen im Einflussgebiet des ›Dritten Reichs‹ Rechnung. Zweitens geht die Ontologisierung des jüdischen Exils auch über die Lage der jüdischen Displaced Persons in den Camps hinweg, stellt sich doch nach Kriegsende und vor der Gründung Israels heraus, dass für das Gros der Juden eine Repatriierung unmöglich ist, auch weil sie dort, wo sie vormals beheimatet zu sein glaubten, schlichtweg nicht geduldet wurden. Und drittens trägt die Feier der Diaspora dazu bei, den mehr als fragwürdigen Ahasverus-Mythos vom ewig vagabundierenden Juden zur allgemeinen Grundlage der Vorstellung von einer zeitlos jüdischen Natur zu machen.

Verstetigte Wurzel-Metaphorik

Eben weil das wahrhaftige Wesen des Jüdischen angeblich wurzellos sei, stellen Israelis aus Sicht ›progressiver‹ Antizionisten Verräter am wahren Geist des Judentums dar. Mithilfe dieser Bedeutungsumkehr wurde die jüdische Wurzellosigkeit plötzlich aufgewertet, so Liska: »Als Gleichnis wurde jüdisches Exil zum literarischen Motiv, zur philosophischen Denkfigur, zum Politikum. Als Verkörperung einer verwerflichen Wurzellosigkeit erscheint es in der judenfeindlichen Rede vom ›Verjuden‹, der Warnung vor einer Kontaminierung durch die heimatlosen Juden. Hat in diesem Kontext jüdische Andersheit teil an der judenfeindlichen Rede, so wurde sie unter entgegengesetztem Vorzeichen gerade als Möglichkeit der Umkehrung oder Unterwanderung dieser Haltung funktionalisiert.«

Das Exil-Dasein von Juden wird heute im Rückblick meist verklärt. Dies geht auf eine Bedeutungsumkehrung der Wurzel-Metaphorik zurück: Die Wurzellosigkeit wird im Namen eines jüdischen Universalismus stark aufgewertet und verabsolutiert, wohingegen die Verwurzelung auf israelischem Territorium als überholter Partikularismus des Nationalstaats massiv entwertet wird. Der Hass auf jüdische Verwurzelung in Israel knüpft mit umgekehrtem Vorzeichen an den Hass auf die jüdische Wurzellosigkeit an. Störend ist dabei die Erinnerung an die Ausweglosigkeit für sechs Millionen Juden, weil Teile des post- und dekolonialen Milieus dies als Apologie des Zionismus begreifen. ›Zionismus‹ stehe demnach für Apartheid, Siedlerkolonialismus, Genozid und für eine Wesensgleichheit mit dem Nationalsozialismus.

Der Judenstaat zieht Ressentiments auf sich, weil er im Widerspruch zur Denkfigur des ewigen Exils steht. Die Reterritorialisierung auf dem Boden Altneulands1 wird gegen die jüdische Wurzellosigkeit ausgespielt. Dadurch wird der Besinnung auf die jüdischen Wurzeln im östlichen Mittelmeerraum von Antizionisten jeder Legitimitätsanspruch auf eine dort von und für Juden eingerichtete Fluchtstätte abgesprochen. Zeitlose Chiffren des Diasporesken verweisen hingegen auf eine messianische Utopie, die über die bornierte Realität nationalstaatlicher Ordnung erhaben zu sein scheint. Ursächlich für den Verrat am wahren Geist des Judentums sei, wohlgemerkt, die Verwirklichung des Zionismus, nicht aber das ungeheuerliche Geschehen in den Vernichtungslagern. An dieser Einordnung wird deutlich, dass der Exil-Tradition realitätsferne Ideale und Illusionen zugrunde liegen, deren universalistischer Anspruch über die Besonderheit jüdischer Diaspora hinweggeht. Eines steht darin jedoch unwiderruflich fest: Juden sind dazu bestimmt, Objekte statt Subjekte der Geschichte zu sein.

Arendts Utopismus

Vor diesem Hintergrund ist Hannah Arendts gebrochenes Verhältnis zum Zionismus aufschlussreich, weil sich ihr Standpunkt diesbezüglich frappierend ändert, als sich um 1944 abzuzeichnen begann, dass der Traum vom Judenstaat mit allen Mitteln in die reale Welt überführt werden soll. Sie bestritt zwar nie das Heimatrecht der Juden in Palästina, lehnte aber jüdische Souveränität ab. Sie war blind dafür, dass die über 600.000 im Mandatsgebiet Palästina bereits ansässigen Juden mit dem Rücken zur Wand standen. Denn als sich das Ende des antikolonialen Kampfs gegen die britische Mandatsmacht ankündigte, war aus dem Territorial-Konflikt mit den Arabern längst ein weltanschaulicher Konflikt geworden.

Arendt griff hingegen ausgerechnet in dem Augenblick auf die exterritoriale Denktradition des Diasporesken zurück, als deren Grundlagen bereits irreversibel zerfallen waren. Ihr veränderter Standpunkt ist auch ihrem Standort in New York geschuldet. Von dort, den extremen Ungewissheiten in Nahost und in den Displaced-Person-Camps enthoben, meinte sie, die verzwickte Lage im Mandatsgebiet Palästina deutlich besser beurteilen zu können als die Akteure vor Ort. Der für Arendt maßgebliche Ideengeber Judah L. Magnes war ein 1877 in San Francisco geborener US-Amerikaner und 1. Präsident der Hebräischen Universität in Jerusalem: Sie stimmt Magnes‘ Vorschlag zu, »die Verfassung der Vereinigten Staaten von Amerika als Modell für die künftige Verfassung des neuen Staates« zu nehmen. Die »Schaffung einer palästinensischen Konföderation« solle zukünftig eine aus Palästina, Transjordanien, Libanon und Syrien gebildete »Föderation« ermöglichen, keinesfalls aber einen jüdischen Staat. Andernfalls würden ausgerechnet »die Erben des universalistischen Geistes im Judentum« zu den ersten Opfern nationaler Souveränität gehören.

Genau dieser Bezug auf die Denkfigur des jüdischen Universalismus ist grundlegend für die Ausbildung einer Doppelmoral, aus der ein Antizionismus erwachsen ist, der sich darauf beruft, den wahren Geist des Judentums zu repräsentieren. Weil Arendt davon ausgeht, das jüdische Volk müsse bei seiner Rückkehr in die Geschichte den »Universalismus des Judentums« fruchtbar machen, erweist sich ihr Anspruch als Utopismus. Eine Umsetzung konföderativer Pläne im Pulverfass Palästina hätte bedeutet, auf dem Ozean der Gewalt weiterhin nur ein Treibholz zu sein, das vielleicht irgendwo angeschwemmt oder aber gänzlich untergehen würde.

Dieser Text ist ein Auszug aus einem Aufsatz, der in der CasaBlanca 1/2026 erscheinen wird.

 

Verwendete Literatur:

Jean Améry: Wieviel Heimat braucht der Mensch? In: Jean Améry Werke. Bd. 2. Jenseits von Schuld und Sühne u. a. Hrsg. v. G. Scheit. Stuttgart 2002, 86–117.

Hannah Arendt: Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten? In: Hannah Arendt. Wir Juden. Schriften 1932–1966. Hrsg. v. M. L. Knott u. U. Ludz. München 2019, 259–297.

Ingo Elbe: Antisemitismus und postkoloniale Theorie. Der »progressive« Angriff auf Israel, Judentum und Holocausterinnerung. Berlin 2024.

Jan Gerber: Das Verschwinden des Holocaust. Zum Wandel der Erinnerung. Berlin 2025.

Magnus Klaue: Transzendenzlose Souveränität. Zionismus als messianische Utopie und bürgerliche Wirklichkeit. In: CasaBlanca – Texte zur falschen Zeit. 1/2024, 83–89. https://textezurfalschenzeit.de/2024/02/05/transzendenzlose-souveraenitaet/

Vivian Liska: Aneignung und Abwehr. Jüdische Tradition im Neuen Denken. In: Jahrbuch des Simon-Dubnow-Instituts. Bd. XI. Hrsg. v. D. Diner. Göttingen 2012, 35–53.

 

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