Einmal im Monat verwandelt sich der Saal der Stadtwerkstatt in einen Hotspot für experimentelle Musik. Statt klassischer Band-Setups stehen beim Tangible Music Club neuartige Instrumente, selbstentwickelte Interfaces und performative Klangmaschinen im Rampenlicht. Auch hybride Instrumente wie mit Sensoren bestückte E-Gitarren und zu Loop-Maschinen erweiterte Schlaginstrumente kommen zum Einsatz. Musikalisch ist jeder Abend einzigartig, oftmals sind es Uraufführungen der Performances und Instrumente.
Der Tangible Music Club wurde als experimentelle Konzertreihe an der Schnittstelle von elektronischer Livemusik, Kunst und Forschung im November 2024 gegründet. Die Kooperation zwischen dem Tangible Music Lab der Kunstuniversität Linz und der Stadtwerkstatt versteht sich als Plattform für neue Formen elektronischer Musik jenseits etablierter Produktions- und Aufführungskontexte. Mit dem Fokus auf experimentelle Musik und postdigitale Musikinstrumente trägt die Reihe dazu bei, das Netzwerk für interaktive elektronische Livemusik in Linz weiter aufzubauen und neue experimentelle Praktiken und Formate innerhalb der zeitgenössischen Musik- und Clubszene zu etablieren.

Krzysztof Cybulski (Foto: M. Piorkowski)
Neben lokalen Acts und Studierenden des Masterstudiengangs Postdigital Lutherie treten regelmäßig Künstler*innen aus der internationalen Sound-Art- und Experimental-Szene auf. Zu den bisherigen Gästen zählen unter anderem Rojin Sharafi, Viola Yip, Amélie Nilles, das Passepartout Duo, Yuri Landman sowie Meng Qi. Die musikalische und inhaltliche Bandbreite reicht dabei von elektroakustischen Klangobjekten über selbstgebaute Synthesizer bis hin zu multimedialen Performances. Im Zentrum steht jedoch immer der Einsatz selbstgebauter Instrumente, sensorbasierter Interfaces und digital-analoger Hybridtechnologien – und damit oft die Beziehung zwischen Körper, Maschine und Klang.
Viele der bei den Konzerten gespielten Instrumente wurden am Tangible Music Lab entwickelt.1 Das Lab ist eine Abteilung des Instituts für Medien der Kunstuniversität Linz am Standort in der Tabakfabrik und es widmet sich seit 2018 unter der Leitung von Prof. Martin Kaltenbrunner der Erforschung musikalischer Interaktion und der Entwicklung neuer Instrumente und Interfaces. Im Masterstudium »Postdigital Lutherie« entstehen Instrumente, die digitale Technologien mit physischer, oft experimenteller Materialität verbinden. Dabei geht es bewusst auch darum, sich von kommerziellen »Black-Box«-Systemen zu lösen und stattdessen eigene, maßgeschneiderte Instrumente zu entwickeln – musikalische Interfaces, die nicht primär für den Markt gedacht sind, sondern neue künstlerische Nischen und Ausdrucksformen ermöglichen.
Die Studierenden und Forschenden entwerfen dabei individuelle Konzepte, die ihre musikalischen, performativen und künstlerischen Anliegen jenseits der Musik- und Kreativindustrie umsetzen. Der Tangible Music Club bildet in diesem Zusammenhang ein wesentliches Bindeglied zwischen Forschung, Instrumentenentwicklung und Aufführungspraxis: Er bietet einen Raum, in dem diese neu entwickelten Instrumente im Live-Kontext erprobt werden können. Spielbarkeit, klangliches Potenzial und Publikumsinter-aktion werden unter realen Bedingungen sichtbar und hörbar. Der Auftritt ist ein entscheidender Moment im Prozess des Instrumentendesigns. Die Unmittelbarkeit des Live-Events trifft hier auf oft monatelange Entwicklungsarbeit. Hier verdichten sich die technischen, performativen und musikalischen Anforderungen und es findet der Übergang vom experimentellen Umfeld der Universität in die professionelle performative Praxis statt. Diese Situation bringt für Publikum und Auftretende eine ganz besondere Form von Intensität mit sich – es ist oft auch eine Art Bewährungsprobe, in der sich zeigt, wie tragfähig ein Instrument oder Interface tatsächlich ist. Gleichzeitig eröffnet die Bühne neue Perspektiven: In der direkten Interaktion mit dem Publikum und im Rahmen der Live-Situation treten oft unerwartete Qualitäten des neuen Instruments zutage: Aspekte, die im Studio oder Laborkontext noch nicht entdeckt wurden, werden im Live-Moment plötzlich sichtbar und hörbar. Jeder Auftritt offenbart somit auch das Potenzial für Weiterentwicklung und ist für die Studierenden und Forschenden eine wertvolle Gelegenheit für Feedback durch ein heterogenes Publikum.

Viola Yip (Foto: Sebastian Jauregui)
Der Tangible Music Club zieht ein kunst- und musikinteressiertes Publikum aus dem Umfeld von Stadtwerkstatt, Kunstuniversität sowie der Anton Bruckner Privatuniversität und der Linzer Kunst- und Kulturszene an. Die Atmosphäre unterscheidet sich dabei mitunter von herkömmlichen Konzerten und Clubnächten: An manchen Abenden dominiert weniger Party-Stimmung, sondern eine konzentrierte gespannte Aufmerksamkeit – oft verlangen die Perfor-mances nach abgedunkeltem Raum oder speziellen Lichtstimmungen. Das stellt bisweilen selbst die Techniker*innen von Dorf TV, die die Abende dokumentieren und live streamen, vor Herausforderungen.
Denn durch die Kooperation mit DorfTV und Radio Fro werden die Abende nicht nur live dokumentiert, sondern auch gemeinsam mit den am Tangible Music Lab stattfindenden Workshops und Gastvorträgen archiviert. Damit werden nicht nur das künstlerische Ergebnis selbst, sondern auch die dahinterliegenden Konzepte vermittelt.2
Tontechniker Mario begleitet die Konzertreihe seit ihren Anfängen. Für ihn unterscheidet sich der Tangible Music Club vor allem durch die Arbeitsweise der auftretenden Künstler*innen: Aufbau und Verkabelung ihrer oft komplexen Instrumente übernehmen diese meist selbst, ebenso einen großen Teil der klanglichen Abstimmung – Eingriffe am Mischpult seien daher oft nur minimal nötig. Besonders spannend sind hier jedoch oft auch die verwendeten Klangumgebungen wie z.B. das Ottosonic Mehrkanalsystem, das von Manu Mitterhuber gemeinsam mit dem Tangible Music Lab entwickelt wurde und im Rahmen des Tangible Music Labs bereits öfter zum Einsatz kam.3
Die Individualität der Setups macht die Abende besonders. Die Performances seien – so der Musiker und Sounddesigner – ausnahmslos interessant, jede Performance funktioniere anders. Viele Instrumente würden durch die Originalität ihrer Idee und ihres Konzepts beeindrucken. Besonders in Erinnerung geblieben seien ihm unter anderem Auftritte von Rojin Sharafi oder Jens Vetter, dessen energiegeladene Bühnenpräsenz sich unmittelbar auf das Publikum übertragen habe.
Als Kooperation von Tangible Music Lab und Stadtwerkstatt wurde mit dem Tangible Music Club, seinen experimentellen Musikinstrumenten und neuen Zugängen zu Musik ein fixer Programmpunkt für das Linzer Publikum geschaffen. Die monatlichen postdigitalen Konzertabende bilden eine gute Ergänzung zur Clubkultur der Stadtwerkstatt.
Kommender Termin:
16.06.2026
Tangible Music Club #13: Karl Ekdahl / Knas + Andreas Trobollowitsch
https://newcontext.stwst.at/projects/tangible_music_club
Ab Oktober 2026 geht der Tangible Music Club ins dritte Jahr!