Kollektive Beharrlichkeit

Irina Karamanos skizziert, wogegen transformatorische Prozesse in Chile anzukämpfen haben und wie sie das tun.

Share me on:

Mit »Kein Schritt zurück, hundert Schritte vorwärts« marschierte der diesjährige Internationale Frauentag in Chile in die Antrittswoche der reaktionären neuen Regierung. Mehr noch als das zeitliche Aufeinandertreffen ist es die feministische Perspektive, die eine Antithese – und hoffentlich ein Gegenmittel – zur neuen Nation darstellt, wie sie Präsident Kast sich vorstellt: konservative Werte, entsorgbare Rechte und autoritäre Nostalgie, eine wiederhergestellte patria. Angesichts ausgrenzender Politik, Vorgehen gegen (Geistes)Wissenschaften sowie insgesamt des angespannten politischen Klimas, das sich bereits in den ersten Amtsmonaten gezeigt hat, könnte Feminismus alternative Vorstellungen hervorbringen und eine politische Offensive formulieren, welche die herrschende Erzählung herausfordert. Feministische Kollektive, Erinnerungs- und Menschenrechtsorganisationen in Chile scheinen genau das zu versuchen, indem sie zunächst damit beginnen, jene Proteste in Erinnerung zu rufen und zu verteidigen, deren Wurzeln in der feministischen Geschichte liegen, und so an das Gedächtnis als Schlüssel des Widerstands zu appellieren. Dadurch stellen sie sowohl die diktatorische Melancholie infrage als auch das resignative Vertrösten auf eine besser Zukunft, die aber auf immer erst bevorsteht.

 

Screenshot eines Fernsehspots zur Kampagne für den zweiten Verfassungsentwurf (2023)

 

Weltweit gefährden reaktionäre Regierungen nicht nur Frauenrechte und Lebenserhalt, sondern auch die fundamentalere feministische Vision von pluralistischen Koexistenz, Kampf für kollektive Freiheiten, Verteidigung des Andersseins und Anerkennung der eigenen Rolle als zugleich betroffener Teil der Gesamtgesellschaft und deren aktive Mitgestalterin. Darum lohnt es, innezuhalten und noch einmal die Landschaft zu betrachten, wie sie vor der konservativen Reaktion aussah, da reaktionäre Funken nicht im Vakuum entstehen. Außerdem können wir durch diese Rückschau Handlungsfähigkeit, Auswirkungen und unmittelbare Folgen transformativer Impulse neu deuten.

Hölle: Soziale Revolte vs. la copia feliz del Edén
Wogegen man sich wappnen sollte

Seit Pinochets Diktatur ist Chile Schauplatz eines extremen Neoliberalismus, der sich jahrzehntelang in Wirtschaft, Politik und Denkweise festgesetzt hat und sowohl Erfahrung als auch Vorstellung von sozialen Rechten und Freiheiten einschränkt. Der Erfolg des Neoliberalismus, den ethischen Kompass der Menschen durch das Gefühl untilgbarer Schuld zu verzerren und allen zu suggerieren, durch persönliches moralisches Versagen für die eigenen materiellen Bedingungen verantwortlich zu sein, wurde jedoch vom Bewusstsein unterbrochen, Teil eines aktiven und zugleich verletzlichen Kollektivs zu sein. Während der sozialen Revolte von 2019, die auf den feministischen Mai 2018 und mehrere Massenproteste in den Jahren zuvor folgte, wurden im öffentlichen Raum überschäumende Gegenentwürfe zur Schau- und die herrschende Ordnung infrage gestellt.

Wenn man diese jüngsten Erinnerungen an eine kraftvolle Allianz der Unterschiede heranzieht, könnte das als Damm gegen das abschottende Mantra der extremen Rechten wirken. Man könnte die Kraft der Zusammenkunft betrachten, die Butler als Versammlung beschreibt, die »einen kollaborativen Widerstand gegen ausgrenzende Politik durch geteilte Verletzlichkeit und Beharrlichkeit« verkörpert, wie es sich 2019 in Übersetzungen des Kollektivs für das Kollektiv ausgedrückte – verwoben mit Performances, chorartigen Gesängen, Straßenwänden als öffentliche Blogs, neuen Formen der Identifikation und der Idee eines würdevollen Lebens anstelle des bloßen Überlebens.

Die Bewegung ebbte nach der politischen Entscheidung zur Einberufung eines Verfassungskonvents ab und kam im Pandemie-Lockdown zum Stillstand. Da die Massen von den Straßen verschwunden und eingesperrt waren, rissen die traditionellen Hüter der Machtverteilung das Land wieder an sich. Medien und Normativität gelang es, das soziale Klima im Eindruck von Unsicherheit untergehen zu lassen und das falsche Bewusstsein gewann wieder die Oberhand. Nach Wiedererwachen des öffentlichen Lebens schritt der Transformationsprozess mit dem Sieg einer neuen Linken bei den Präsidentschaftswahlen voran (2021), gefolgt vom Warten auf einen neuen Verfassungsentwurf und davon, ob dieser im Referendum bestehen würde (2022). Die Erwartungen einer Ablösung der Pinochet-Verfassung konzentrierten sich – abgesehen vom historischen Akt selbst – auf Verfassungsnormen, welche bisher soziale, bildungspolitische, ökologische, indigene und Frauenrechte einschränkten. Diese würden von der weltweit am demokratischst gestalteten Versammlung, bestehend zu 50 % aus Frauen, mit reservierten Sitzen für Vertreter:innen Indigener und Unabhängiger aufgehoben und neu geschrieben werden. Das Ergebnis war ein neuer Verfassungsentwurf, der Leitlinien zur Dezentralisierung von Machtstrukturen in der politischen, territorialen und natürlichen Ressourcen-Verwaltung enthielt und zu neuen Systemen sozialer, ökologischer, indigener und feministischer Gerechtigkeit beiträgt.

Wieder wurde das alles in einer medial vermittelten öffentlichen Debatte ausmanövriert. Im Namen von Ordnung und Patriotismus wurde Veränderung dämonisiert – oder, wie General Yañez es formulierte: »sin orden no hay patria«. So wurde etwa der vielschichtige Vorschlag eines plurinationalen chilenischen Staates dazu genutzt, Chaos und Gefahr für die Souveränität zu prophezeien. Dies war eines der am stärksten auseinandergenommenen Konzepte, welches Spott, Rassismus und Nationalismus zum Opfer fiel. Die Aufrechterhaltung des Status quo sozialer und territorialer Ungleichheiten schaffte es dagegen kaum in die öffentliche Debatte, sobald das Narrativ etabliert war. Zum Zeitpunkt des Referendums hatte sich das Motto »alles muss sich ändern und wir haben nichts zu verlieren« erheblich gewandelt. Heftige Kampagnen gegen den Vorschlag hatten darauf abgezielt, dass die Menschen nicht nur mit dem Wenigen zufrieden sein sollten, das sie hatten, sondern sich auch ängstigen sollten, es bei Verabschiedung der neuen Verfassung zu verlieren.

So wurden beispielsweise durch die in den sozialen Medien viral gegangene Schattenkampagne »Du könntest dein Zuhause verlieren« instinktive Ängste als Waffe eingesetzt. Diese wurden ausgelöst durch die konstruierte Bedrohung, die Quelle von Geborgenheit – und in ihrer erweiterten Version: die Heimat – zu verlieren. Der Verfassungsprozess endete 2022 mit der Ablehnung des Entwurfs, was beklemmende soziokulturelle Auswirkungen hatte und zu Rückbildung sowie Neuordnung politischer Haltungen führte.

Die Bilder von 2019 wurden durchwegs als gewalttätige Unruhen dargestellt und der Kausalzusammenhang zwischen Demonstrationen und struktureller Ungerechtigkeit ausgeklammert. Bezüglich der verfassungsrechtlichen Absicht wurde den Versammlungsmitgliedern und der linken Regierung die Schuld zugeschoben, den Versuch unternommen zu haben und gescheitert zu sein. Diese Lesart übernahmen zum Teil auch viele, die auf Veränderung gehofft hatten und nun enttäuscht waren oder sogar bereuten, jemals derart große Erwartungen gehegt zu haben – nur, um zu sehen, wie sie enttäuscht wurden. Man redete sich ein, naiv gewesen zu sein und mit strukturellen Veränderungen einen sinnlosen Ansatz verfolgt zu haben. Dagegen war das fortwährende Drängen, Unsicherheiten zu bekämpfen erfolgreich darin, die Aufmerksamkeit zu fesseln.

Hellborn: Phantome vs. patriotische echte Chilenen
Gegen wen man sich immunisieren soll

Die Störung der Ordnung wurde in der öffentlichen Debatte eindimensional dargestellt, soziale Forderungen wurden auf Karikaturen reduziert und gewalttätige Ereignisse aufgeblasen, um die Revolte insgesamt zu kriminalisieren, während parallel dazu die wichtigsten Phantasmen für die Agenda der aufstrebenden extremen Rechten entstanden. So wurde die Revolte nicht nur als chaotischer Fehler dargestellt, sondern auch die Ausarbeitung einer neuen – pluralistischeren – Verfassung als naiver Versuch, das Land in einen Zirkus zu verwandeln. Stattdessen sei es für Chile besser, sich an die alte Verfassung zu halten, welche während der Diktatur eingeführt wurde und deren Schöpfer kürzlich als Idol des nun neuen Präsidenten wiederbelebt wurde. In derselben Rede erklärte er: »Je mehr wir über Rechte sprechen, desto mehr wird die Freiheit eingeschränkt« und wandte sich gegen »radikalen Umwelt-schutz«, »extremen Feminismus« und »radikalen Indigenismus«. Soziale Bewegungen und Gemeinschaften werden auf politischen und medialen Plattformen instrumentalisiert, um über sie eine Anklage gegen jene Phantasmen zu konstruieren, die angeblich die »wahren« Chilenen bedrohen. Umgekehrt müssen sie nach dieser Logik zerstört werden, um die Nation vor den angeblichen Übeln zu schützen, die »uns« heimsuchen.

Mittlerweile muss sogar daran erinnert werden, was diese sozialen Bewegungen und Gemeinschaften tatsächlich sind und wofür sie stehen, damit es nicht so wirkt, als dienten sie einzig und allein dazu, als ein solches Phantasma zu dienen, das die faschistischen Affekte1 der Anhänger der aktuellen Regierung zu mobilisieren.

Die Normalisierung eines ständigen Alarmzustands, welcher durch schockierende Äußerungen herbeigeführt wird, der Entzug von Rechten und die Kürzung sozialer Programme sind eine zermürbende Kanonade. Es geht darum, uns eine allgegenwärtige Gefahr spüren zu lassen, die jeden Reflex zum Aufbau von Gemeinschaft aushebelt; die Idee ist im Gegenteil sogar, die Verteidigung »unserer selbst« zu bevorzugen und dabei dasjenige austauschbar zu machen, wogegen wir uns immunisieren sollen: ausländische Invasion, Bedrohung durch Anderssein, woher es auch kommen mag – Einwanderer oder Mapuche –, Proteste oder »Wokismus« und all die kriminalisierbaren »Ismen« von Kast.

Dieser Konstruktion des »gesunden Menschenverstands« muss mit Gegenerzählungen begegnet werden, mit kollektivem Handeln sowie damit, dass wir weiterhin eine Form des Angriffs spielen, von der sie sich bereits jetzt angegriffen fühlen. Feministinnen wussten seit jeher um Zyklen, Backlashs und Beharrlichkeit und darum, den Kampf nicht als Scheitern zu interpretieren. Außerdem existiert diese Linse, die historisch über die patriarchale Ordnung hinaussehen und sie durchbrechen will, obwohl sie öffentlich auf ungehorsame Abweichung oder Laune reduziert wurde und sogar als Bedrohung für den Frieden. Sie existiert im Wissen, dass weder die Komplexitäts-Intoleranz von Wahlen noch der Medien sie unterwegs bestätigen wird. 

Nicht immun

Angesichts der planetarischen Herausforderung, die in einer Furcht vor Pluralismus liegt, müssen wir anstatt der Grenzziehungen elastische Logiken adoptieren und eine transnationale Solidarität jenseits des formalen nationalstaatlichen Rahmens ausbilden.

Durch Versammlungen, dem Bestehen auf Veränderung und der Vorstellung der Potenziale, die darin jenseits demokratischer Mindeststandards liegen, müssen wir über ein einseitiges Verständnis von Unterdrückung hinausgehen und komplexe, vielfältige und sogar dissonante Verläufe verschiedener Gemeinschaften annehmen. Darüber hinaus können wir die Existenz von Gemeinschaften und Menschen anerkennen, ohne einer Autorisierung durch zentrale Behörden zu bedürfen. Dasselbe gilt für Informationskanäle und -quellen. Wenn zentralisierte politische, kulturelle und kommunikative Systeme die Vielstimmigkeit stören, könnte die Dezentralisierung unserer Aufmerksamkeit, das Porös-Machen nomineller Ränder und die Aktivierung peripherer Räume neue Landkarten eröffnen, auf denen wir uns versammeln können.

 

Share me on:

[1] Vortrag »Gender Matters 2026: Contemporary Fascist Passions with Judith Butler«. New School for Social Research.