Journalistischer Katechismus

Der Journalistische Katechismus ist eine Handreiche für all jene, die dauernd irgendwas mit Medien machen und darum keine Zeit haben, Machiavellis Il Principe zu lesen. Deshalb erscheint er auch häppchenweise in Serie.

Fünftes Hauptstück: Von journalistischen Andachts-Übungen

Worin bestehen die Andachts-Übungen? 

Darin, daß man die journalistischen Kräfte ordentlich und beständig auf Andacht erregende Gegenstände richtet.

Gibt es viele dergleichen Übungen? 

Es gibt derer so viele, als es verschiedene Gegenstände gibt, durch deren Betrachtung die Seele sich journalistisch beschäftigen kann. Die vorzüglichsten zielen auf die Chefredaktion; es sind aber auch andere, die auf den Mutterkonzern, auf den Engel des Journalismus und die übrigen Heiligen (das Publikum) sich beziehen, gut und nützlich. 

Mit welchen Übungen ehren wir die Chefredaktion? 

Gleich der hängenden Blauzeder beugen wir unser Haupt vor der Hauptschriftleitung, schütteln aber unseren Geist zugleich in seligem Taumel wie die Zitterpappel ihre Blätter im Sturm! 

Welche Andachtsübungen kann man zur Ehre des seligen Mutterkonzerns verrichten? 

Je nach Erscheinungsort können Votivgaben über die VG Wort (Deutschland) in Form der Verlagsbeteiligung (verpflichtend, 30 - 33,3%) oder die Literar Mechana (Österreich) als Verlagsanteil (zustimmungspflichtig, variabel) entrichtet werden. 

Welche Andachtsübungen sind zur Verehrung der heiligen Engel anzurathen?

Es gibt eine Bildserie von Manfred Deix, die mit »Erfreuliches aus der Zeitungsbranche, Teil 1« übertitelt ist. Ein Mann ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich über etwas zu erheben, worauf er stiert. Seine Sonnenbrille schwitzt miasmatisch unverdaute Sonnenstrahlen aus und seiner Oberlippe entwächst ein verderbtes Grinsen, welches über einem weinroten Sakko thront, dessen Schulterpolster es aufspannen, als verbärgen sie Schwingen. Der Engel des Journalismus muß so aussehen. Er hat das Antlitz in die ewige Wiederkehr des Neuen vergraben. Wo eine Konstellation miteinander vermittelter Katastrophen vor uns erscheint, sieht er eine Kette vereinzelter Medienwaren, die unablässig eine endlose Fortsetzungsgeschichte weben. Er möchte wohl verweilen und den Story-Trümmern noch den letzten Neuigkeitswert auspressen. Aber da bläst ihm schon ein neuer Sturm von Breaking News ins Gesicht, der seine Zahnparade noch ausladender marschieren lässt, sodass der Engel des Journalismus seine Pressluke nicht mehr schließen kann. Das Meldungs-Bombardement fixiert ihn – den News-Jockey, der selbst geritten wird – unaufhaltsam im trüben Schlick des Bestehenden, dem er ins Rapportloch kriecht, während die bounce rate über ihm in den Himmel wächst. Das, was wir Medien nennen, ist dieser Sturm.1

Welche Andachtsübungen sollen wir zur Verehrung des heiligen Publikums vornehmen? 

Obwohl zuletzt angeführt: Geize nicht mit Spundus vor dem Publikum! Wenn du es richtig machst, ist es putty in your hand and their fingers do the work in the click-yard of the lord. Du musst dich schlechthin entscheiden, ob du es auf die Themen selbst anlegst, oder darauf, wie du dich zu ihnen verhältst. Im letzteren Fall garantieren hot takes – egal wozu – deiner Person Aufmerksamkeit. Dies ist der opportune Ansatz für meinungsstarke Charaktere oder solche, denen der Zug zur Politikberatung durch die Adern rast. Doch Vorsicht: Er bringt dich in die Schusslinie und macht dich zur Reizfigur (damit aber auch zum asset mit mannigfaltigen Karriereoptionen). Sicherer ist dagegen, hinter die Themen zurückzutreten, dafür aber hot topics zu fokussieren. Als Verfechterin des Fourth Estate, als Aufdeckerjournalistin fällt genügend Ruhm auf dich zurück – du wirkst aber seriöser und bist weniger disgrazed gonzo als distinguished pundit. 

In beiden Fällen branden die Emotionen und lassen die Küsten der Medienlandschaft unter ihren Brechern erzittern. Diese müssen aber auf das richtige Ziel gebündelt werden: Im Straßenverkehr mag es angeraten sein, anstelle des entgegenkommenden Objekts den Fluchtpunkt anzuvisieren, um eine Kollision zu vermeiden – denn wer das Hindernis fixiert, steuert auf es zu. Journalismus dagegen hat zuvorderst vom gebannten Blick des Rehs in die Scheinwerfer zu leben, bzw. von dem des Kaninchens auf die Schlange. Aber andererseits auch von denen, die die Schlange zum Wappentier (bzw. »Volkskanzler«) machen wollen. Beide Gruppen bauen ihr Leben um dieses Wesen und wollen alles über es hören und lesen. Muss man sich vor der Schlange fürchten? Wer macht der Schlange ihr Habitat streitig? Wer will es mit ihr teilen – und wer nicht? Was halten die Schlangengefolgsleute von denen, die mit der Schlange nichts zu tun haben wollen? Fühlen sie sich ausgegrenzt? Soviel Aufmerksamkeit gibt es so zu erlangen: Flood the zone with fear! Garstig bringt Gerstl und wer genügend aufganselt, kann sich flugs auf Daunen betten. 

Aufgabe der Kritik

Aber ist nicht das gezielte Melken von Emotionen (und Schlangengift) unvereinbar mit dem Anspruch, zu berichten, was ist? Nicht zwingend: Die Auswahl, dessen was ist, kann durchaus deckungsgleich damit sein, was den Thermostat des Publikums in die Höhe treibt. Ob sie das umfasst, was das Publikum wissen sollte? Das kann nur beantworten, wer sich dem Verdacht preisgeben möchte, totalitäre Entscheidungen zu treffen. Einen Ausweg aus dem Dilemma bieten meta-mediale Manöver (auch bekannt als Profil-Neurosen): Man hilft dem aktuellen Posterchild des organisierten Rechtsradikalismus, indem man es aufs Cover packt und auf den Seiten dazwischen reuig darüber räsoniert, ob man sich damit zu dessen willfährigem Werkzeug macht. Das klingt strapaziöser, als es ist: Es muss lediglich die Floskel bemüht werden, wonach es auf die »kritische Absicht« ankommt. Aber ist Kritik denn journalistische Aufgabe? 

Ja natürlich! Sie wird bereits durch akkurate Darstellung erfüllt – dann werden die Schurken entlarvt, das Publikum erwacht aus der Unmündigkeit und der Nachspann läuft ab. Oder doch nicht? Was, wenn korrekte Berichterstattung nicht ausreicht und der Plebs weiterhin den eigenen Untergang in Kauf nimmt, solange der Pöbel unter ihm früher über die Klippen geht? 

Dann ist geboten, durch penetrante Fragen und Kommentare kritische Haltung zu markieren: Kritik wird schließlich allseits eingefordert und umso mehr beschworen, je wirkungsloser sie gesellschaftlich ist. Die gute Nachricht: Die Unterscheidung zwischen Läster- und Mietmaul ist obsolet, wenn das Publikum passende Schlagworte herausgreift und damit digitale Faschismus-Maschinen füttert, in denen das passiert, was früher politische Meinungsbildung hieß (und bereits dazumal primär Resultat von peer pressure war). Die schlechte Nachricht: Das Problem löst sich insofern, als Medien – ceteris paribus – von Geil-o-maten in Appform überrollt werden; unabhängig davon, ob sie deren Funktionsweisen übernehmen, oder nicht. 

Bonus-Sentenz

Ab einem gewissen Grad gesellschaftlicher Verblendung ist nicht auszuschließen: Wer die Geschichte nicht kennt, kommt gar nicht auf die Idee, sie zu wiederholen.

 

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Das kommende Sechste Hauptstück handelt vom vollkommenen journalistischen Leben. 

[1] Respektvolle Nachahmung oder dreiste Imitation? Das zu beurteilen liegt im Schoß der Götter (Homer, zit. nach Zierpolster-Stickerei).