Der letzte linke Kleingärtner, Teil 11

Der Wettergott ist eine zwielichtige Gestalt

Was tut sich im Garten? Die Frage ist einfach und klar zu beantworten: Es brummt. Nach einer ekelhaften und gleichsam lähmenden Hitzeperiode in der Jahresmitte, hat sich der Wettergott für Regen, Regen, Regen entschieden. Gleichzeitig ist es richtig warm, mitunter auch mal wieder heiß. Das sind optimale Voraussetzungen für überbordenden Pflanzenwuchs. Die Stangenbohnen haben gezündet und kriegen sich seit Ende August nicht mehr ein: 3 m Höhe sind keine Seltenheit, was bedeutet, dass die Ernte in den oberen Regionen nur unter Zuhilfenahme einer Stehleiter erfolgen kann. Gleichzeitig ist der Boden durch den Regen aufgeweicht, was deren Standfestigkeit mindert. Etwas weniger sachlicher ausgedrückt: Man steht oben auf der Leiter, sie sackt mit ihren Ständern ein, neigt sich zur Seite und am Ende springt der allwissende Kleingärtner ab oder sinkt ebenfalls danieder. Es ist nicht schön anzusehen und würde, falls es jemand filmt und auf Social Media verbreitet, zwar hohe Klickzahlen bringen, aber ein durch und durch peinliches Bild vom allwissenden letzten linken Kleingärtner verbreiten. Deshalb haben ich und die Redaktion der Versorgerin uns darauf geeinigt, diesen Schabernack nicht zu veröffentlichen. Wir gehen schließlich achtsam und nachhaltig miteinander um. Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass die Ernte der Stangenbohnen ohne Ende brummt und die Ernährung der Menschheit damit sichergestellt ist. Bei der Ernte ist es hilfreich, nicht erst zu warten, bis die Bohnen an jeder Stange gleich groß und damit erntereif sind. Optimalerweise erntet man sie jeden Tag. Das spornt die Pflanze an, mehr Bohnen zu produzieren, um ihre Art zu erhalten. Natürlich sollte man diesen Trick im Zwiegespräch mit den Pflanzen nicht verraten, sondern sie im Glauben lassen, dass alles so sei wie immer. Man muss schließlich seine Interessen wahren und Sorge tragen, dass die eigenen Vorratskammern gefüllt werden. 

Eine Überraschung gibt es dann doch in der laufenden Gartensaison. Ich habe Gurken im Überfluss. Das war theoretisch auch für die letzten Jahre so eingeplant bei der Menge an Gurken, die ich pflanzte und die jedes Jahr erstmal üppige Fruchtansätze hatten. Dann nahm aber der falsche Mehltau, eine Pilzkrankheit, Überhand, und die Gurkenpflanzen verkümmerten recht zügig. Dieses Jahr ist alles anders und der Zug der Fruchtbarkeit fährt die Wegstrecke, die ich ihm gezeichnet habe. Nirgendwo fliegt er aus der Kurve oder entgleist auf gerader Strecke. Nun denn, ich habe also alles wieder unter Kontrolle. Woran kann es diesmal liegen, da ich immer die gleiche Gurkensorte pflanze? Anders ist seit kurzem nur eines: Diese Kolumne erscheint in der VERSORGERIN. Und die wiederum erblickt in einem Land das intellektuelle Licht der Welt, in dem bereits die Nationalhymne – das Ding, bei dem Linke gerne betreten wegschauen und nichts damit zu tun haben wollen – eine große innere Affinität zu allen rechtschaffenen Menschen aus der bäuerlichen Zunft hat. »Land der Äcker« heißt es dort bereits fröhlich frohlockend in der zweiten Zeile der ersten Strophe. Über all das wurde ausführlich in der ersten Gartenkolumne (Versorgerin, #129, März 2021) geschrieben und wahrheitsgemäß Bericht erstattet. Mit der Nationalhymne Österreichs bekämpfe ich also erfolgreich den falschen Mehltau in Deutschland. Das ist wahre Freundschaft, die durch kein Säbelrasseln gestört wird. 

Apropos der Wettergott: So schön es ist, dass er es ordentlich regnen lässt, was die Wasserspeicher auffüllt, die fürs Grundwasser zuständig sind, einen Nachteil hat der Regen: Frankreich hat wieder ordentlich Wasser, um seine widerlichen Atomkraftwerke auch im Sommer laufen zu lassen. Das war im letzten Sommer nicht so. Damals brannten die Landschaft und die Städte unter der Last einer gigantischen Hitzewelle bei gleichzeitiger wochenlanger Trockenheit. In der Folge davon stand nicht genug Wasser aus den Flüssen für die Kühlung der AKWs zur Verfügung und etliche mussten heruntergefahren werden. Dass Frankreich damals »überlebte«, war wesentlich dem Ökostrom von den komischen Deutschen zu verdanken. Deutscher Windkraft- und Photovoltaikstrom bewahrte Frankreich vor dem Kollaps, leider vergaß man dies dort und fuhr nach dem Abflauen der Hitzewelle die AKWs wieder geschwind hoch.

Drei Praxistipps:

1. Traue dem Wettergott und seinen verwandten Göttern nicht über den Weg: Mal lässt er es zu wenig, mal zu viel regnen.
2. Komisch aber wahr: Die österreichische Nationalhymne hilft beim Kultivieren von Gurken in Deutschland.
3. Ernte jeden Tag Stangenbohnen. Dann produziert die Pflanze mehr Nachschub.

Roland Röder ist Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. (www.a3wsaar.de), einer allgemeinpolitischen NGO in Deutschland, die bundesweit arbeitet, u.a. zu Landwirtschaft, Asyl, Migration, Islamismus, Antisemitismus, Fairer Handel. Er mag den Begriff „Hobby“ nicht und lebt einen Teil seines Lebens als aktiver Fußballfan. Die Gartenkolumne erscheint auch in der Luxemburger Wochenzeitung WOXX .