Der letzte linke Kleingärtner, Teil 21: Der Frühling ruft im Zweitakt

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Noch ruht die Gartenarbeit. Aber es ist definitiv nur die Ruhe vor dem Sturm. Weniger vor einem Frühjahrssturm als vor dem überbordenden Tatendrang des letzten linken Kleingärtners. In der zweiten Märzhälfte ist es wieder soweit. Dann nämlich, wenn die ersten Sonnenstrahlen den Frühling an- und das große Versprechen vom neuen Glück verkünden. Das eigene gärtnerische Lebensgefühl gleicht dann einer Auferstehung aus der Tristesse der winterlichen Grautöne. Die ersten Sonnentage sind unweigerlich wie Boten, die die neuen Taten von unsereinem ankündigen. Und ein klein wenig Sonne brachte auch schon der Februar; und vereinzelt sogar satte zweistellige Temperaturen.

 

Foto: CC0 Public Domain

 

Jetzt kommt es darauf an, dass der Kleingärtner im Herbst alles perfekt für die Aussaat im Frühjahr vorbereitet hat. Okay, dieses Bild mit der perfekten Vorbereitung würde zwar nicht jede Prüfung bestehen, aber Schwamm darüber. Da wollen wir mal keine großen Worte verlieren, dass es mitunter nur ein Traum ist. Das bleibt unter uns. Fürs Image zeichne ich lieber das Bild von atemberaubender Vorbildlichkeit: Im Herbst habe ich die abgeernteten Beete sauber umgegraben, reichlich Kompost eingearbeitet und zum Schluss die offenen Beete noch mit Laub bedeckt, das die Bäume im Herbst verlieren. Das ist nährstoffreiche Biomasse, die man auch mit viel Motorengetöse via Laubbläser wegpusten kann und dabei den Nachbarn tierisch auf den Zeiger geht. Aber klüger ist es allemal, das heruntergefallene Blattwerk wieder dem Boden zuzuführen. Es ist kostenloser Dünger. Pathetisch gesprochen, ein Geschenk des Himmels. In den Beeten des letzten linken Kleingärtners hat also auch der Himmel seinen Platz. So wartet der Boden auf die nächste Phase der Bearbeitung und Liebkosung, die Aussaat. Traditionell zwei der ersten Gemüsesorten, die ich säe,
sind Zuckererbsen und Dicke Bohnen. Beide sind großartige Eiweißproduzenten und hart im Nehmen. So sehr im März sich die Sonne schon ab und an blicken lässt, so kalt ist dennoch der Boden und so kalt sind auch traditionell noch ein paar März- und Apriltage. Aber den Bohnen und den Zuckererbsen macht dies nichts aus. Im Gegenteil, man kann sie auch schon Ende Februar aussäen; aber bis Mitte März reicht völlig. In der zweiten Junihälfte sind sie erntereif. Zusätzlich sind beide Pflanzen recht anspruchslos und brauchen keinen oder wenig Dünger.

Die Dicken Bohnen spielen auch in der Landwirtschaft eine Rolle. Dort können sie als Eiweißträger Ersatz für Soja sein. Von Ausnahmen abgesehen – wie Donau Soja aus Europa - kommt dieses meist aus dem globalen Süden und wird in Monokulturen angebaut. Dass dazu ordentlich Regenwald abgeholzt und Bauern von ihrem Land vertrieben wurden – »freiwillig« oder durch Paramilitärs –, geschenkt. Ein bisschen Kollateralschaden lässt sich halt im Kapitalismus nicht vermeiden. Einige wenige Milchbauern in Europa bauen Dicke Bohnen als Ackerbohnen an. Dies geht einher mit einer leichten Reduzierung der jährlichen Milchleistung bei gleichzeitiger Erhöhung der Herdengesundheit.

Apropos Frühjahr und Aussaat. Da nähert sich in meiner kleinen Welt ein Ereignis, das für einen Kleingärtner meines Schlages fast eine kultische Bedeutung hat. Spätestens Anfang Mai, also dann, wenn der Frühling mit seinen Sonnentagen und ergiebigen Regengüssen so richtig Fahrt aufgenommen hat, kommt der eine große Moment, auf den ich schon wochenlang hin fiebere und mir die zentrale Frage stelle: Springt er an oder treibt er mich zur Weißglut? Es ist der Tag, an dem ich meinem geliebten Zweitakt-Hochgrasmäher wieder seine jährliche Auferstehung gönne und ihn aus dem Winterschlaf reiße. Ja klar, im TV sieht das alles locker aus. Jedenfalls frei von Problemen. Schweiß fließt dort nicht und fluchende Kleingärtner kommen dort nicht vor. Wenn ich Bekannten von meinen nicht enden wollenden Glücksgefühlen erzähle, wenn der Mäher nach dem dritten oder vierten Ziehen des Starterseils anfängt zu tuckern und nach einigen Sekunden dann ordentlich hochdreht, ernte ich verständnislose Blicke. Aber für mich ist der startende Mäher ein Glücksversprechen für eine bessere Zukunft im Garten. Jedenfalls mähe ich damit die Wiese, die meinen Garten umgibt. Und weil ich gefühlt noch in der Übung bin vom letzten Jahr, als ich herabgefallenes Laub auf die offenen Beete legte, mache ich jetzt das gleiche mit dem ersten Grasschnitt. Der ist im Gegensatz zu den folgenden Schnitten recht nährstoffreich. Ich sammele das Gras ein und verteile es auf die offenen Beete im Garten. Das Gemüse und die Salate werden es mir mit einem üppigen Wachstum danken. Die Ernte ist das A und O im Leben eines Kleingärtners. Schließlich baue ich nicht aus Spaß das ganze Gedöns an, sondern will Ergebnisse für den Kochtopf. So finden mein Garten und mein geliebter Zweitaktmäher im Frühling zueinander und bleiben in meinem Kosmos ein unzertrennliches Paar. Verbrennerverbot hin oder her.

Drei Praxistipps:

1. Liebe deinen Zweitaktmäher.
2. Baue Dicke Bohnen an.
3. Freue dich auf die Ernte.

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Roland Röder ist Geschäftsführer der Aktion 3.Welt Saar e.V. (www.a3wsaar.de), einer allgemeinpolitischen NGO in Deutschland, die bundesweit arbeitet, u.a. zu Landwirtschaft, Asyl, Migration, Islamismus, Antisemitismus, Fairer Handel. Er mag den Begriff „Hobby“ nicht und lebt einen Teil seines Lebens als aktiver Fußballfan. Die Gartenkolumne erscheint auch in der Luxemburger Wochenzeitung WOXX .