In »Der Begriff des Politischen« (1927) entwickelt Carl Schmitt eine Freund/Feind-Theorie als »spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive [staatlicher Akteure und ihrer privatwirtschaftlichen Partner] zurückführen lassen«. Diese Unterscheidung ist heute wirkmächtiger denn je. Das Freund/Feind-Schema erhärtet im diskursiven Raum die Fronten militärischer Konflikte. Es fördert nicht nur den Bellizismus und bietet Legitimationen für Eskalation, sondern trägt auch direkt oder indirekt dazu bei, die Opfer von organisierter Gewalt gegeneinander auszuspielen. Dies wiederum ist einer der Schlüsselfaktoren, die eine Politik des Völkermords sowie eine Forcierung dessen, was wir in der Einleitung zur »Pluriverse of Peace«-Serie1 als Krieg gegen die Erde bezeichnet haben, ermöglichen. Die Wirkmächtigkeit des Freund/Feind-Paradigmas erzeugt nicht zuletzt eine falsche Klarheit über die Verhältnisse des Imperialismus als »höchstes Stadium des Kapitalismus« (Wladimir Iljitsch Lenin, 1917). Entgegen den PR-Bildern der herrschenden Klasse begegnen sich die Akteur*innen nicht als ‚Freunde‘ (oder ‚Feinde‘), sondern als Konkurrent*innen, die versuchen, ihre Interessen (und die ihrer Klientel) durchzusetzen oder Business Deals abzuschließen.
I. Um dieser diskursiven Verzerrung auf den Grund zu gehen, muss zunächst der Zustand der materiellen Realität benannt werden. Militärische Auseinandersetzungen zwischen Staaten erreichten im Jahr 2025 ein Rekordniveau seit dem Zweiten Weltkrieg. Je nach Definition dessen, was unter einer militärischen Auseinandersetzung, beziehungsweise einer Beteiligung daran zu verstehen ist, kann von 30 bis 50 Staaten die Rede sein, die weltweit in 60 bis 370 bewaffnete Konflikte verwickelt sind. Mit 2,7 Billionen US-Dollar liegen die weltweiten Militärausgaben auf einem Allzeithoch. Die Rüstungsindustrie avanciert einmal mehr zu einem entscheidenden Wachstumsmotor. Die Auflistung der resultierenden Schäden für den Planeten und die Weltbevölkerung würden den Rahmen dieses Artikels sprengen. Was sind die Ursachen dieser verheerenden Tendenzen?
In seinem Essay »The Modern World-System as a Capitalist World-Economy« aus dem Jahr 1999 prägte Immanuel Wallerstein die Idee der »endlosen Akkumulation von Kapital«. 27 Jahre nach Erscheinen des Essays und mehr als 150 Jahre nachdem Friedrich Engels und Karl Marx die ersten Impulse zu dieser theoretischen Figur gaben, lässt sich mit Gewissheit sagen, dass die endlose Akkumulation von Kapital in Form von marktorientierter Massenproduktion, Finanzialisierung und Privatisierung die Ressourcen erschöpft und den Planeten weitreichend verschmutzt, ausgelaugt und zerstört hat. Dadurch sind die Ökosysteme anfälliger und instabiler geworden, was sich wiederum auf Märkte und Volkswirtschaften auswirkt. Der Wettbewerb um Ressourcen und die Kontrolle über Lieferketten führt zu territorialen Konflikten. Krieg ist zu einem immer häufiger eingesetzten Mittel zur Verteidigung ‚nationaler Interessen‘ geworden. Seit dem offiziellen Ende des Kalten Krieges vollzieht sich die ressourcen- und energieintensive Emergenz dessen, was Dario Azzellini und Boris Kanzleiter in »Das Unternehmen Krieg« (2003) als »permanenten Kriegszustand« beschreiben. Dieser hat seither immer größere Teile des Globus erfasst und ist, wie Raúl Sánchez Cedillo in »Dieser Krieg endet nicht in der Ukraine« (2023) konstatiert, 20 Jahre später zu einem »globalen Kriegsregime« angewachsen. Dieses globale Kriegsregime hinterlässt einen katastrophalen ökologischen Fußabdruck und verschlimmert den Zusammenbruch planetarer Ökosysteme noch weiter. In dieser Situation entstehen verschiedene Formen der Umweltkriegsführung, bei denen extreme Wetterereignisse, Umweltverschmutzung oder Terraforming als Waffen eingesetzt werden – sowohl in Phasen der Zerstörung als auch des Wiederaufbaus, wie Svitlana Matviyenko hervorhebt.
Wie kann dieser Teufelskreis aus ökologischer Krise, Wirtschaftskrise und Krieg durchbrochen werden? Diese Frage stand im Mittelpunkt der »Pluriverse of Peace«-Konferenz, weil sie viele, die an der Schnittstelle von Wissenschaft und Aktivismus arbeiten, sichtlich umtreibt. Dabei ist kaum jemand so naiv, zu erwarten, dass die Maßnahmen, die die Eliten des Privatsektors (und ihre politischen Verbündeten) ergreifen, zukunftsweisende Antworten liefern. Schließlich zielen sie in erster Linie darauf ab, trotz oder sogar von dieser Schieflage zu profitieren. Diese Akteur*innen haben kein genuines Interesse daran, die Ursachen der Polykrise zu beheben. Es widerspräche ihren Interessen. Näher liegt es, Krieg und Krise als business opportunities wahrzunehmen. Selbst wenn sie sich zu vermeintlichen ‚Lösungen‘ aufschwingen, bewegen sie sich stets im Rahmen dessen, was die Polykrise hervorgebracht hat, und verschärfen diese sogar. Das zeigt sich exemplarisch an Elon Musk. Dessen Geschäftsoperationen sollten nicht als Abweichung von der Norm gelesen werden (‚er ist besonders!‘, ‚er ist verrückt!‘), sondern pars pro toto: Es geht nicht um die Rettung der Welt, wie Musk es gerne proklamiert, sondern um die Rettung seiner eigenen Welt durch die Anhäufung von Macht und Kapital – auf Kosten der Umwelt und des Klimas. Kritische Analysen der Weltrettungslösungen, wie des European Green Deal sowie des Nachfolgeprogramms ReArm Europe, verweisen auf denselben Widerspruch.
Aus systemkritischer Perspektive kann die Frage, ob globale Aufrüstung und Militarisierung ein zu begrüßender Wachstumsmotor und Problemlöser in den Zentren des Kapitals sind, nur mit einem klaren ‚Nein‘ beantwortet werden. Wird damit jedoch nicht der Wunsch nach Widerstandsfähigkeit von verwundbaren Gruppen, Unabhängig-keitsbewegungen und ‚unterentwickelten‘ Regionen übergangen? Auch sie sollten der Verlockung von Aufrüstung und Militarisierung widerstehen. Warum? In einer Welt, in der Waffengewalt immer auch im Rahmen des industrialisierten Profitstrebens zu denken ist; in einer Welt, in der Waffengewalt vom internationalen Recht als »Recht des Stärkeren« (Perry Anderson) gedeckt ist – in einer solchen Welt werden diejenigen, die sich aus der Ohnmacht befreien wollen, entweder die notwendigen Waffen zur Selbstverteidigung verwehrt bekommen. Oder es werden die Waffen eines Deals sein, der sie noch weiter in die Abhängigkeit von Strukturen bringt, aus denen sie sich eigentlich befreien wollen.
II. Um die finanziellen Ressourcen für Kriegsregime aufzubringen und Rückhalt in den Bevölkerungen zu sichern, werden die fragmentierten internationalen Beziehungen hinter dem Freund/Feind-Schema verschleiert. Das Schüren von Ressentiments und Angst mittels Feindbildern dient als Mittel, um unbequeme Maßnahmen durchzusetzen, wie etwa die Beschneidung ziviler Infrastrukturen des Lebens zugunsten militärischer Infrastrukturen. Austerität wird als alternativlos verkauft, um ‚dem Feind‘ des Westens (Russland, China, Iran etc.) die Stirn bieten zu können – letztlich aber, um den als neuen Wachstumsmotor gefeierten Rüstungszweig in Gang zu bringen und zu halten.
Austerität dient auch als Instrument der Repression. Die Wirtschafts-wissenschaftlerin Clara Mattei, die sich auf die Geschichte des Kapitalismus spezialisiert hat, schreibt in »The Capital Order: How Economists Invented Austerity and Paved the Way to Fascism« (2022): »Sparmaßnahmen waren relativ gesehen dort ‚erfolgreich‘, wo sie bestimmte Gruppen – darunter Arbeitgeber und Außenhandels-interessen – bereicherten, die auf Kosten der Arbeiter*innen Macht und Kapital anhäuften.« Laut Mattei liegt der wahre Wert der Sparpolitik in der Absicherung etablierter Privilegien und der Beseitigung aller Alternativen zum Kapitalismus. Weitergedacht ließe sich sagen, dass die Folgen der Sparpolitik, insbesondere im stark betroffenen sozialen Sektor, die Vulnerabilität ohnehin schon vulnerabler Bevölkerungs-gruppen verstärken und den Waffengang als letzte Möglichkeit der Selbstermächtigung attraktiv erscheinen lassen, wie Enikö Vincze in der Diskussion nach ihrem »Pluriverse of Peace«-Vortrag erläuterte.
Repression durch Austerität führt nicht zuletzt zur Verdrängung existenzieller gesellschaftlicher Probleme sowie zur Trennung von Anliegen und sozialen Gruppen, die eigentlich zusammengehören. Um ein Beispiel zu geben: Da Militarismus und Krieg in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr an Bedeutung gewinnen und die politische, wirtschaftliche und öffentliche Agenda im Westen und darüber hinaus dominieren, geraten die Klimakrise (die nicht zuletzt eine Krise der sozialen Reproduktion ist) und die Bemühungen zu ihrer Bekämpfung in den Hintergrund. Dies ist Ausdruck psychopolitischer Unterdrückung innerhalb der Aufmerksamkeitsökonomie und der individuellen sowie kollektiven Wahrnehmung von Problemen. Zugleich ist dies auch ein Ausdruck der Unterdrückung von Initiativen und Bewegungen, die die Militarisierung
stoppen und die sozialen Folgen der Klimakrise abfedern wollen. Dies sind Formen der Unterdrückung, die spalten, polarisieren und Menschen gegeneinander aufbringen, obwohl sie auf materieller Ebene eigentlich gemeinsame Interessen haben. Austeritätspolitik als Katalysator macht dies möglich, weil sie zweierlei forciert: die Krise der sozialen Reproduktion und die damit einhergehende Konjunktur von Ressentiments gegenüber potenziellen Mitstreiter*innen.
Wie Nancy Fraser und Rahel Jaeggi in »Capitalism: A Conversation in Critical Theory« (2018) in Erinnerung rufen, haben die verschiedenen kapitalis-tischen Regime im Laufe ihrer Geschichte auf Spaltungen gesetzt, beispielsweise zwischen produktiver und reproduktiver Arbeit oder zwischen ‚heimischen‘ und migrantisierten Arbeiter*innen. Und wenn Spaltungen heute integraler Bestandteil der Rüstungs- und Militarisierungspolitik sind, so darf es nicht überraschen, dass diese Politik nicht nur die rassistische Ausgrenzung durch Grenzregime verstärkt, sondern auch das Freund/Feind-Schema nach innen kehrt.
In Russland werden linke Aktivist*innen als ‚ausländische Agenten‘ verfolgt, im Westen, wo die Faschisierung voranschreitet, werden sie als ‚Terroristen‘ kriminalisiert, wie etwa in den USA und in Ungarn, wo die AntiFa als Terrororganisation eingestuft wurde, oder in der Ukraine und in Israel, wo Kriegsgegner*innen als ‚Volksfeinde‘ kriminalisiert werden.
III. Wer den Überlebenskampf, den das globale Kriegsregime allen aufzwingt, ablehnt und stattdessen das gute Leben für alle anstrebt, muss die Frage nach der Solidarität neu stellen. Wer Solidarität also nicht nur als Wohlfühlgeste, sondern als politische Praxis begreift, sollte mit der Hinterfragung des Freund/Feind-Schemas beginnen. Nur so lässt sich begreifen, dass der Kapitalismus als »semiotischer Operator« (Félix Guattari) mit dem Freund/Feind-Schema genau die Art von Subjektivität hervorbringt, die er insbesondere in der aktuellen Phase für sein Funktionieren benötigt, um beispielsweise die Aufrüstung, Militarisie-rung und Kriegsführung zu befeuern und zu legitimieren. Wir, die Vielen der sogenannten Zivilgesellschaft, müssen die vermeintliche Unaus-weichlichkeit dieser Subjektivität entschieden zurückweisen. Nichts Geringeres ist nötig, um Verbindungen zwischen Umwelt- und Anti-kriegsbewegungen herzustellen und Auswege aus dem Teufelskreis
aus ökologischer Krise, Wirtschaftskrise und Krieg zu finden.
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Im Oktober 2025 fand die von den beiden Autor*innen organisierte Konferenz »Pluriverse of Peace« in Berlin statt. Videos, Audios, Workshop-Ergebnisse und mehr finden Sie hier: https://berlinergazette.de/de/projects/pluriverse-of-peace