Journalistischer Katechismus: Fünftes Hauptstück, Teil III, Band I

Der Journalistische Katechismus ist eine Handreiche für all jene, die dauernd irgendwas mit Medien machen und darum keine Zeit haben, Machiavellis Il Principe zu lesen. Deshalb erscheint er auch häppchenweise in Serie.

Fünftes Hauptstück, Teil III, Band I handelt von Ermahnungen, welche von denen, die sich auf dem übernatürlichen oder außerordentlichen Wege befunden, befolgt werden müssen. 

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Worin muss man die, welche auf dem im vorigen Kapitel beschriebenen Wege wandeln (siehe Versorgerin#148), ganz besonders unterrichten?  

Der Unterricht im Wege, welcher dem zeitgeistigen Stromverlauf folgt und sich darin bettet, ist verschieden nach drei Stufen.

Welcher Unterricht ist denen nothwendig, die sich auf der ersten Stufe befinden, wo jene sanfte Ruhe besteht, in der sich journalistische Entitäten als Anwältinnen der Öffentlichkeit wähnen? 

Sie solle sich an zwei wichtige Punkte halten: Der erste ist, dass sie sich von dieser Ruhe nicht abwendig machen lassen, und nichts thun, wodurch sie gestört werden könne. Manche wollen da mit eigner Anstrengung gewaltsam nachhelfen, und verschiedene Kunstgriffe anwenden. Dies ist aber nicht nöthig: Man muss Quotenbringer (rechtsradikale Parteiführer oder andere deformierte Kanaillen) nicht durch gezielte buzzwords stimulieren, auf dass sie jenen Nektar absondern, an dem sich das Publikum nicht satt saufen kann. Schließlich ist manufacturing conflict der Puls, der ihre politische Existenz am Leben hält und damit ein Herzensanliegen. Die Rolle der Reportinage besteht darin, quotentauglichen Nonsens durch die Rationalisierungsmühle zu drehen: Es ist wie beim Spiel Lügenbaron, wo jemand eine Frage bewusst falsch beantwortet und das Gegenüber dann argumentieren muss, warum die Antwort richtig ist. Keine Idee ist zu wahnsinnig, um sie nicht in Diskussion zu bringen – ganz im Gegenteil: If it bleed, it leads – drama is our brahma.

Der zweite, eben so nothwendige Punkt ist, dass man das gerade Gegenteil von dem Vorigen sorgfältig meide. Denn: Passives Abbilden genügt nicht. Die Auswahl muss sorgfältig getroffen sein, den Blick auf das Detail vereidigen und über den Fokus auf die Eigenschaften einer einzelnen Person davon ablenken, welche Konstruktionsprinzipien von Demokratien ihre Abschaffung erlauben.

Wie wird einer falschen Andacht der Zugang geöffnet? 

Zuweilen verleitet dazu theils unkluge Anleitung der Führer, theils die Eigenliebe derjenigen, welche von ihnen geführt werden. Generell gilt: Huldige der Hoffnung auf den Sieg des Realitätsprinzips zulasten der Lust, alles kaputtzuschlagen. Zugleich erzeugt das Skandalisieren irrsinniger Phantasien aktueller oder potenzieller Machthaber beim aufklärungshörigen Publikum ein Wir-Gefühl mit dem Überbringer der frohen Botschaft, die da lautet: Glück mit Sünd und Schand hat nicht Bestand. Dies wird umso mehr goutiert, je größer das ungläubig-neidvolle Staunen darüber ist, dass diejenigen am erfolgreichsten sind, die es am wenigsten verdienen. Aber: Playing to the gallery funktioniert als kollektive Katharsis (Glaube an eine unmittelbar bevorstehende Entzauberung) nur dann, wenn alle den Text mitsingen können – etwa die Hymne »Nicht sein kann, was nicht sein darf«. Wenn so die Untergangsangst gebannt ist, führt sich die Debatte darüber, ob Kickl »Kanzler kann« oder nicht und ob Trump mit diesem oder jenem »durchkommt« oder nicht gleich viel entspannter.

Welche Erinnerungen eignen sich für die, welche auf der zweiten Stufe des außerordentlichen Weges sich befinden?

Diese Stufe – welche auch jene des geheimen Sterbens genannt wird – beinhaltet die Prüfungen der Dürre, des Unvermögens und der geistigen Peinen. Durch sie manifestiert sich der Geist Hegel‘scher Dialektik im Journalismus.

Wie hat man sich in der Dürre zu verhalten?

Diese Phase (ehemals Sommerloch oder Sauregurkenzeit genannt), ist nicht die Zeit der Feldstudien, sondern Desktop-Research. Anstatt Interviews bei der nächstbesten Gartenschau zu führen, stoppelt man sich Beiträge mittels objets trouvés (bzw. pensées trouvées) aus einem Internet zusammen, das längst vom Mittel der Berichterstattung zu deren Mittelpunkt geworden ist.

Was ist im Stande des Unvermögens zu thun, wenn bei der Seele der Gebrauch ihrer Vermögen gehemmt ist, und sie innerlich nicht thätig seyn, und frommen Anmuthungen nicht obliegen kann?

Wenn das news-making-business damit konfrontiert wird, dass jene Suchmaschinen, die es so gerne utilisiert, primär im money-making-business ansässig sind (denn nur das Ganze ist die Ware) und zur realen Subsumption »klassischer« Medien übergeht, indem es Zusammenfassungen ihrer Meldungen aggregiert und diese dadurch nicht am wohlverdienten traffic mitnaschen lässt, der für Werbeeinnahmen sorgt, ist guter Rat teuer – mit genügend Rücklagen (bzw. Beteiligungen) aber zu stemmen. Am besten einen Deal aushandeln, über den im Gegenzug als Ablass irgendwelche Journalismus-Nachwuchsförderungen finanziert werden.

Wie muss jene dritte Prüfung der Geistes-Peinen angenommen werden?

Die vollständige Verlagerung von Medienproduktion, -distribution und -konsumption korrodiert auch diese funktionale Trennung und transformiert den news-cycle in einen slop-cycle, in dem Selbst-Recherchiertes, Meinungsbekundungen, gezielte Propaganda und algorithmisch Halluziniertes sich zu einem Brei vermengen, der kommunal geschlürft und ausgeschieden wird. Rinse and repeat.

Was ist denen zu rathen, welche bis zum dritten Stande des außerordentlichen Weges gefördert sind?

Ihnen sei angemahnt, das falsche, vom Satan über sie gegossene Licht zu vertreiben und sich wieder als medialer Hegemon, als Gatekeeper zu inthronisieren. Zweifellos hat sich die Informationshoheit durch digitale Propagandakanäle verschoben, sodass das Publikum ohne lästige Verfälschung oder Infragestellung der jeweiligen talking points bespielt werden kann. Der klassische Journalismus findet sich mithin dazu depotenziert, diese Erzeugnisse – über die er keine Kontrolle hat – weiterzuverbreiten und bestenfalls zu kommentieren. Zum Glück hat sich mit der Produktion von Podcasts kompensatorisch die Möglichkeit eröffnet, mittels freier Themenstellung content in die Welt zu setzen und sich so als Quelle wiederherzustellen. In Kombination mit anderen Publikationsformen ergibt sich für Verlage der angenehme Nebeneffekt, an zusätzliches Körberlgeld durch die Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR) zu gelangen (Förderung der Produktion von Audio-Podcasts) und an deren Reichweite auch andere hauseigene Medienprodukte partizipieren zu lassen (wie sich diversen Mediadaten entnehmen lässt).

Welche Täuschung ist im journalistischen Leben die gefährlichste, und am schwersten zu heilen?

Dass die eigene Hauptaufgabe in der Erzeugung einer kritischen Öffentlichkeit besteht, während es doch bestenfalls darum gehen kann, Material für Kritik bereitzustellen.

Wie kann dergleichen Täuschungen entgehen?

Für den einzelnen Pressemenschen besteht die beste Heilung im Berufswechsel, für Medienunternehmen ist es der Konkurs.

 

Bonussentenz I

Muss der Weltgeist dreimal niesen, gibt es Krisen, Krisen, Krisen.

 

Bonussentenz II

Flooding the Zone funktioniert nur, wenn diese den Mund schön weit aufmacht.

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