Nein, Eric Clapton habe ihn noch nie in Albträumen heimgesucht, sagt Yuri Landman. Ganz abwegig erscheint eine solche nächtliche Begegnung mit dem Gitarristen Mr. »Slowhand« Clapton nicht, steht dieser doch für jene Gitarrenkultur, GEGEN die sich seit den späten 1970er-Jahren ein großer Teil der alternativen Popmoderne definiert hat: Virtuosität, Perfektion, bluesrockige Authentizitätsgesten, technisch makellose Soli. Die ganze Ideologie der musikalischen Meisterschaft. Eine Ideologie, die seit Punk unter Generalverdacht steht, und die nicht einfach zerstört, sondern ersetzt wurde — durch eine andere: Energie statt Können, Haltung statt Handwerk, Ausdruck statt Beherrschung.

Yuris Instrumente (Foto: tanjab)
Der 1973 geborene Musiker, Instrumentenbauer, Musikpädagoge und Comiczeichner Yuri Landman gehört zu jener Generation, die diese Verschiebung bereits als historische Tatsache vorfand. Seine musikalische Sozialisation begann nicht mit Gitarrenhelden, sondern mit Dunkelheit. »Als ich etwa 10 Jahre alt war, hörte ich ‚Pornography’, das vierte Album von The Cure. Mein Bruder hatte die Platte. Für mich war das ein Noise-Album. 1991 entdeckte ich dann Sonic Youth«, erzählt Yuri Landman. »Ein Jahr später kaufte ich meine erste Gitarre, weil ich diesen dunklen, bösen Sound machen wollte, der meinem Geschmack entspricht.«
Virtuosität sei für ihn von Anfang an nie das Ziel gewesen. »Clapton, Jimi Hendrix oder David Gilmour – sie spielen Akkorde, Soli, und man muss fünf Jahre oder länger üben, um dieses Niveau zu erreichen. Ich habe schnell gemerkt, dass ich einfach Sound machen will. Diese düstere Atmosphäre von Throbbing Gristle, Sonic Youth oder Joy Division. Joy Division sind großartig, weil sie sehr einfache Melodien haben – und darüber diese schreiende Gitarre. The Cure haben irgendwie ähnliche Muster, und Sonic Youth treiben das, würde ich sagen, auf die nächste Stufe. Anders gesagt: ‚I Wanna Be Your Dog‘ von Iggy Pop berührt mich mehr als zum Beispiel die Songs von Eric Clapton. Es ist einfach so — es trifft mein Herz nicht.«
Sweet Spots im Lärm
Trotz der Nähe zu Noise-Ästhetiken wirkt Landmans Musik selten destruktiv. Sie ist eher eine Suche nach Balance – zwischen Chaos und Ordnung, Spannung und Auflösung. »Wenn man über Punk spricht, etwa über die Sex Pistols: Sie haben Technik weggeworfen und durch sehr einfache Songstrukturen ersetzt. Sonic Youth kamen aus der New Yorker No-Wave-Szene und gingen noch weiter. Sie haben die Werte eines Popsongs dekonstruiert und quasi von vorne begonnen – Gitarren auf dem Boden, darauf trommeln, solche Dinge.«
Was Yuri Landman dabei faszinierte, war nicht nur die Attitüde, sondern die Physik, die Mathematik dahinter. »Ich dachte, dass Sonic Youth beim Präparieren ihrer Gitarren physikalische Gesetze anwenden. Und als ich später Lee Ranaldo und Thurston Moore (Anm.: die beiden waren Gitarristen bei Sonic Youth) kennenlernte, bestätigten sie mir genau das. Sie klemmen Drumsticks zwischen die Seiten, und das wirkt sehr punkig, sehr nihilistisch, sehr dadaistisch. Fluxus ist, würde ich sagen, ebenfalls eine Referenz. Aber wenn man den Drumstick genau in der Mitte der Saite platziert, also auf halber Saitenlänge, dann befindet man sich auf der Oktave, und dann erhält man diese wirklich eleganten, harmonischen Klänge.«
Diese Verbindung von Radikalität und Schönheit sei entscheidend, findet Landman: »Wenn man die Musik von Sonic Youth hört, hört man diesen extremen Lärm, diese extrem radikale Musik. Aber in dieser Radikalität steckt etwas Träumerisches, das sehr atmosphärisch ist, sehr mystisch, aber auch sehr beruhigend und meditativ. Und das liegt daran, dass sie die Sweet Spots von Musik und Physik gefunden haben.«
Instrumentenbau für Klangforscher:innen
Ausgangspunkt für Yuri Landsmans Beschäftigung als Instrumenten-bauer war eine praktische Irritation. Präparierte Gitarren klangen zwar interessant, aber sie blieben unzuverlässig — zufällige Resultate, schwer reproduzierbar. Also baute Landman 2001 sein erstes eigenes Instrument. Nicht aus Ingenieursdrang, sondern aus dem Wunsch nach Kontrolle über das Unkontrollierbare.
Seither entstanden Instrumente für Künstler:innen und Bands wie eben Sonic Youth, Einstürzende Neubauten, Liars, dEUS, Melt Banana, Rhys Chatham, Ex-Easter Island Head, Half Japanese oder Blood Red Shoes — Musiker:innen also, die Klang als Forschungsfeld denken. Landmans Instrumente funktionieren dabei selten als fertige Werkzeuge; sie bleiben offene Versuchsanordnungen, physische Denkmodelle für musikalische Möglichkeiten.
Parallel entwickelte sich eine zweite, vielleicht noch zentralere Praxis: die Vermittlung. Seit 2009 gab der Niederländer Landman mehr als 200 Workshops und Vorträge zum DIY-Instrumentenbau in Europa und den USA — an Musik- und Kunstuniversitäten, bei Festivals, in Konzerthäusern und Kunsträumen. Instrumentenbau erscheint darin nicht als Spezialdisziplin, sondern als kulturelle Kompetenz: als Einladung, Klang selbst zu produzieren. In Linz war Landman im Umfeld des Tangible Music Lab tätig, das an der Kunstuniversität Linz angesiedelt ist. Das Labor verbindet künstlerische Forschung mit Technologie-entwicklung und untersucht unter anderem, wie Musik durch physische Interfaces erfahrbar wird – durch neue Instrumente, Sensorik, elektronische Klangerzeugung oder performative Installationen.
Für den Instrumentenbauer Landman spielt die harmonische Reihe oder Obertonreihe eine zentrale Rolle. »Manche meiner Instrumente sind Varianten von elektrischen Zithern, wie sie Glenn Branca oder Harry Partch verwendet haben. Die harmonischen Reihen erzeugen diesen mystischen, atmosphärischen Klang. Danach suche ich.« Dem gegenüber stehe maximale Dissonanz, so Landman: »Das Gegenteil der harmonischen Reihe ist der dissonanteste Punkt. Dann bekommt man reines Chaos. Harmonie bedeutet einfache Frequenzverhältnisse, Dissonanz komplexe.«
Sein Ziel sei aber nicht reiner Lärm, sondern Kontrast. »Noise baut Spannung auf, aber es braucht auch Momente der Entspannung. Sehr dissonante Töne – und dann die Auflösung in reine Harmonie. Diese Balance versuche ich zu erreichen. Es gibt ruhige, meditative Passagen, dann Explosionen.«
Landmans Instrumente entstehen aus einer Mischung aus DIY-Ethos und akustischer Forschung. Ausgangspunkt war zunächst Pragmatismus: »Am Anfang hat man kein Geld, also arbeitet man mit billigen Materialien.« Daraus entwickelte Landman eine ästhetische Haltung, die an Arte Povera ebenso erinnert wie an Duchamps Ready-mades. Typisch ist der Einsatz günstiger Materialien aus dem Baumarkt oder gefundener Objekte: Holzreste, Metallteile, Alltagsobjekte. Entscheidender als Materialwert sei die akustische Idee. »Ich brauche kein 50 Jahre altes Holz aus Indonesien, nur weil es angeblich besser klingt. Schnelle, effiziente Lösungen interessieren mich mehr.«
Ein Beispiel ist sein Einsatz von Cola-Flaschen als Schlaginstrumente: »Für mich ist eine starke Botschaft ans Publikum: Man braucht keine 5000-Euro-Gibson. Man kann auch einfach ein paar Coca-Cola-Flaschen kaufen, Kontaktmikrofone für einen Euro daran befestigen und damit eine bemerkenswerte Performance machen. Und der Klang einer Coca-Cola-Flasche ist fantastisch. Pepsi ist übrigens auch gut, kommt aber nicht ganz an Coca-Cola heran«, lacht Landman. Instrumentenbau wird so zu einer demokratischen Geste: Musik als etwas, das jede:r gestalten kann – unabhängig von Markt und Industrie.
Lehrer statt Popstar
Diese Haltung prägt auch Landmans beruflichen Weg. Über viele Jahre arbeitete er vor allem als Dozent an Kunsthochschulen. »Das habe ich etwa 15 Jahre lang gemacht.« Die Rolle sei organisch gewachsen: »Als junger Mensch war ich Fan der Punk-Ästhetik: Keep it simple, arbeite schnell, direkt, mit Energie statt Virtuosität. Dann begann ich Instrumente zu bauen – und irgendwann unterrichtete ich das.«
Der akademische Kontext passe besser zu seiner Arbeitsweise als die Musikindustrie, findet Landman. »Wenn du ein kleiner Künstler bist, bekommst du schlechte Deals. Du bist immer das letzte Glied in der Kette. Das Spiel nervt mich.« Stattdessen bevorzuge er Workshops und kleine Konzerte: »Ich unterrichte drei oder vier Tage an einer Kunstakademie, werde fair bezahlt, reise herum. Dann spiele ich in einer Kneipe hundert Meter entfernt für zwanzig Leute. Das passt zu mir.«
In einer Zeit, in der musikalische Produktion zunehmend entmaterialisiert wird — Software, Plugins, virtuelle Instrumente, Algorithmen — wirkt Yuri Landmans Arbeit beinahe anachronistisch. Holz, Metall, Saiten, Resonanzkörper. Dinge, die Gewicht haben. Dinge, die Widerstand leisten.
Doch gerade in dieser vermeintlichen Rückständigkeit liegt möglicherweise ihre Aktualität. Denn sie erinnert daran, dass Klang kein abstraktes Datenereignis ist, sondern ein physischer Vorgang: Schwingung, Reibung, Berührung. Musik entsteht hier nicht im Rechner, sondern im Kontakt zwischen Material und Körper. Im besten Fall bahnt sie sich dann ihren Weg »expressway to your skull«, wie Sonic Youth einen ihrer wirkmächtigsten Songs nannten.
Dass diese Referenz in Linz mehr ist als nur Popgeschichte, zeigt ein kleines Detail der lokalen Erinnerungskultur. Ältere Semester konnten Sonic Youth bereits in den frühen 1980ern in der alten Stadtwerkstatt erleben — lange bevor die Band zum Kanon der alternativen Musikgeschichte gehörte. Wer heute die Stufen zum Saal hinaufsteigt, begegnet einem Plakat, das daran erinnert.
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Das Konzert mit Yuri Landmann fand im Rahmen des Tangible Music Clubs statt, an folgendem Abend:
TANGIBLE MUSIC CLUB IX
Obi Blanche + Federico Visi +Yuri Landman
Stadtwerkstatt, Mi, 17. Dez 2025, 19 Uhr
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DER TANGIBLE MUSIC CLUB
Der TANGIBLE MUSIC CLUB ist eine Reihe mit mehreren Konzerten im Jahr, die als Kooperation zwischen dem Tangible Music Lab und der Stadtwerkstatt läuft. Die Veranstaltungs- und Performancereihe forciert die Netzwerke für Interaktive Elektronische Musik in Linz und thematisiert den Trend zu selbstgebauten elektronischen Musikinstrumenten sowie Interfaces in den zeitgenössischen Musik- und Clubszenen. Das Tangible Music Lab, die STWST und die eingeladenen Artists stellen Projekte vor und treiben die Entwicklung gemeinsamer Präsentationsformate für neuartige Musikinstrumente voran.
Die nächsten Termine in der STWST:
Mittwoch 18. März, 19:00
Dienstag 14. April 19:00
Dienstag 19. Mai 19:00
Dienstag 16. Juni 19:00
Line-up tba.
Mehr Infos: https://newcontext.stwst.at/projects/tangible_music_club oder auf den Clubseiten der STWST