Wie das Gewitter in der Wolke

Auszug aus der Einleitung zum Band »Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober« von Stephan Grigat und Karin Stögner.

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Gibt man heute eine Sammlung gegenwartsbezogener Analysen zu Antisemitismus und Israelhass heraus, fallen diese schneller denn je hinter die sich in rasendem Tempo radikalisierende Realität zurück. Das zeigt sich etwa an dem galoppierenden Irrsinn in Teilen der Linken, die sich anschicken, sich als offen antisemitische Bewegung erkennen zu geben: Als die Jüdische Allgemeine am 24. Juli 2025 darüber berichtete, dass in Valencia eine Gruppe jüdischer Jugendlicher aus einem Flugzeug geworfen wurden, postete die Linksjugend Frankfurt, dass der Rauswurf leider nicht stattfand, während das Flugzeug in der Luft war. Wo wie hier offen zum Mord an Juden und Jüdinnen aufgerufen wird, bedarf es keiner elaborierten Analysen von projektivem Antizionismus und sekundärem Antisemitismus oder von Antisemitismus als ‚kulturellem Code‘. Die Realität droht, jede Analyse und jede auch noch so zugespitzte Kritik in den Schatten zu stellen.

Umso wichtiger ist es, die gesellschaftlichen, politischen und historischen Bedingungen der Möglichkeit von Antisemitismus und Israelhass in den Fokus zu rücken. Denn die nach dem 7. Oktober 2023 immer offener auftretenden Formen von klassischem Antisemitismus und von zunehmend gewalttätig agierendem Israelhass stehen in einer langen Tradition – ebenso wie die Kritik an ihnen: Jean Améry versuchte schon 1969 der deutschen Linken klarzumachen, dass der Antisemitismus im Antizionismus enthalten ist wie das Gewitter in der Wolke. Max Horkheimer kritisierte im selben Jahr sowohl den rechtsradikalen als auch den realsozialistischen Antizionismus: »In der Nationalzeitung wird das Wort ‚Juden‘, wie in den Zeitungen des Ostblocks, durch ‚Zionisten‘ […] ersetzt.« Michael Landmann nahm 1971 Das Israelpseudos der Pseudolinken ins Visier, Simone de Beauvoir erklärte bereits im ‚roten Jahrzehnt‘ der 1970er Jahre, gewisse Äußerungsformen des linken Antizionismus seien »eine euphemistische Art, einen Antisemitismus zu übersetzen, den man nicht zugeben will«; und seit den 1990er Jahren ist insbesondere im deutschsprachigen Raum umfangreiche Literatur zur Kritik eines antisemitischen Antizionismus, zu linken Zionismus-Debatten und zur Kritik von jenen islamischen Traditionen des Antisemitismus erschienen, die erstmals nach 9/11 breiter diskutiert wurden und spätestens seit 10/7 im Fokus globaler Antisemitismusdiskussionen stehen – insbesondere im Zusammenhang mit einem projektiven Antizionismus.

Der Zionismus ist in nahezu all seinen Ausprägungen eine Reaktion auf den Antisemitismus – sowohl auf den europäischen als auch, was in der deutschsprachigen Debatte zu selten in den Blick gerät, den arabischen und islamischen. Mit diesem war die zionistische Bewegung schon in den Dekaden vor der israelischen Staatsgründung konfrontiert; schon deshalb kann er kein Resultat dieser Gründung sein. Ob linker oder rechter, ob säkular oder nationalreligiös begründeter Zionismus – der Grundgedanke bleibt unabhängig von den je postulierten und stark divergierenden Identitätskonzepten, die eine gewichtige Rolle in den unterschiedlichen Ausprägungen sowohl des historischen als auch des gegenwärtigen Zionismus spielen, stets die Organisierung eines bewaffneten Kollektivs zur Selbstverteidigung gegenüber dem Antisemitismus. Darin unterscheidet sich der jüdische Staat von allen anderen auf dieser Welt. Die Etablierung und Verteidigung jüdischer Souveränität ist die Antwort auf eine sich durch die Jahrhunderte ziehende Verfolgungsgeschichte und insbesondere auf die nationalsozialistische Judenvernichtung.

Das politische Programm des postnazistischen Antizionismus besteht darin, Juden und Jüdinnen, mit welcher Begründung auch immer, das Recht auf einen eigenen Nationalstaat selbst noch nach der Shoah abzusprechen und aktiv auf die Zerstörung Israels hinzuarbeiten. Seine politischen und militärischen Hauptakteure waren über Jahrzehnte hinweg der arabische Nationalismus und der poststalinistische Realsozialismus, und seit Ende der 1970er Jahre insbesondere die diversen Ausprägungen des sunnitischen und schiitischen politischen Islam – immer wieder in Kooperation mit oder unterstützt von diversen Formationen der westlichen Politik und Gesellschaften.

Der für unseren Band titelgebende Begriff des projektiven Antizionismus versucht, die Debatten ebenso einzuhegen wie abzugrenzen und meint einen sich gegen Israel richtenden Antisemitismus, der treffend als geopolitische Reproduktion des klassischen Antisemitismus beschrieben wurde. Im »conspiracist antizionism«, von dem etwa Isabella Tabarovsky spricht, wird offen auf antisemitische Verschwörungsmythen zurückgegriffen. Der Begriff des projektiven Antizionismus knüpft an Léon Poliakovs Formulierung an, wonach Israel als »Jude unter den Staaten« fungiert – womit schlaglichtartig die pathische Projektion der antisemitischen Traditionen des Antizionismus auf den Punkt gebracht wird.

In dieser ideologischen Gemengelage dient der jüdische Staat als Projektionsfläche zum einen für die nicht begriffene Widersprüchlichkeit im Nationskonzept – dass der Staat als Manifestation des Kapitalverhältnisses gegenüber seinen Bürgerinnen und Bürgern das Gewaltmonopol verkörpert und gerade in dieser Monopolstellung deren Rechte zumindest pro forma garantiert – und zum anderen für den Umstand, dass der Staat und seine Institutionen nicht deckungsgleich mit seinen Bürgern und Bürgerinnen sind. Diese Nichtidentität von Staat und Volk ist der wunde Punkt, auf den der Antisemitismus in der Ablehnung alles Abstrakten reagiert, indem er die staatlichen Institutionen in der konkretistischen, gegen jede Vermittlung gerichteten Idee der Volksgemeinschaft einebnet, von der Juden und Jüdinnen exkludiert sind. Einerseits erscheint der Staat Israel im projektiven Antizionismus als der Inbegriff des Künstlichen, Abstrakten und Unauthentischen, als eine ‚Entität‘, die gar kein ‚richtiger‘ Staat sei; andererseits sieht man im jüdischen Staat das verkörpert, was man bei sich selbst überwunden oder verloren gegangen glaubt: ein völkisch-ethnisches Gemeinwesen, das durch sein verstocktes Festhalten an seiner Partikularität dem universellen Weltfrieden im Weg stünde. In beiden Fällen – der Vorstellung Israels als ‚künstlichem Gebilde‘ oder als ‚verstockte Partikularität‘ – werden ideologische Anleihen beim Nationalsozialismus genommen. Die Aufspaltung konkret vs. abstrakt, natürlich vs. künstlich wird so selbst beweglich und kann mal in dieser, mal in jener Form gegen Israel gewendet werden. Insofern ist der projektive Antizionismus nicht als politische Gegenbewegung zum Zionismus misszuverstehen, sondern beruht auf dem »Gerücht über den Zionismus«, wie Philipp Lenhard es zuletzt treffend formuliert hat. Dieses Gerücht hat mit dem Zionismus als nationale und antikoloniale Befreiungsbewegung der Juden und Jüdinnen nichts zu tun, sondern gibt die ideologische Legitimation für die Vernichtung Israels als der größten jüdischen Gemeinschaft weltweit ab.

Den mittlerweile ubiquitär auftretenden Israelhass als »antisemitische Integrationsideologie« (Samuel Salzborn) ins Visier zu nehmen, ist in einer sich an der klassischen Kritischen Theorie orientierenden Kritiktradition mittlerweile Konsens. Der projektive Charakter des antisemitischen Ressentiments dient ebenso als Empörungspotential wie als integrativer Schirm für unterschiedliche, auch gegensätzliche politische Akteure, die Gegenstand der in unserem Band versammelten Analysen sind: linke und rechte, islamische und christliche, postkoloniale und antirassistische, anti- und neoimperialistische, feministische und djihadistische, queere und rechtsradikale Akteure können sich ebenso darauf verständigen wie Akteure im Kunst- und Kulturbereich, an Universitäten und im Politikbetrieb, in internationalen Organisationen wie der UNO und NGOs, auf Social Media ebenso wie zunehmend auch in den Mainstream-Medien.

Zäsur 10/7

Es verbindet die in dem Band Projektiver Antizionismus versammelten Arbeiten das Erschrecken darüber, dass die Gräuel des 7. Oktober, statt eine Welle anhaltender Solidarität mit Israel und seinen Bürgerinnen und Bürgern auszulösen, als Startschuss für eine globale Welle von Antisemitismus – insbesondere in Form eines projektiven, seit 10/7 immer gewalttätiger auftretenden Antizionismus – fungiert hat. Offensichtlich war die jahrzehntelange Diffamierung des Zionismus als das »kollektive Böse«, wie die israelische Politikerin und Autorin Einat Wilf es treffend genannt hat, eine der Grundlagen dafür, dass in antizionistischen Kreisen selbst noch vergewaltigten Frauen, ermordeten Babys und Greisen, Gefolterten und den nach Gaza verschleppten Geiseln Empathie verwehrt wurde, so sie nur als ‚Zionisten‘ ins Visier genommen werden konnten. Der 7. Oktober war sowohl für das Selbstverständnis des Zionismus als auch für die Mobilisierungskraft des antisemitischen Antizionismus eine Zäsur: »October 7 changed everything«, schreibt die US-amerikanische Holocaust-Forscherin Deborah Lipstadt, die zur Zeit von 10/7 Antisemitis-musbeauftragte des US-Außenministeriums war. Marina Chernivsky und Friederike Lorenz-Sinai haben festgehalten, dass die Massaker des 7. Oktober eine »eliminatorisch-antisemitische Botschaft« global kommuniziert haben. Der mit Beteiligung von Teilen der palästinensischen ‚Zivilgesellschaft‘ ausgelebte antisemitische und misogyne Blutrausch evoziert für Jüdinnen und Juden weltweit ein zugleich neues und sehr altes Gefühl von Angst und Bedrohung. Die Direktorin der Gedenkstätte Haus der Wannseekonferenz, Deborah Hartmann, hat betont, dass der 7. Oktober für Jüdinnen und Juden »einen fundamentalen und einschneidenden Verlust an Sicherheit« bedeutet. Dieser Einschnitt macht es notwendig, das Schutzversprechen des Zionismus zu erneuern.

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Stephan Grigat ist Professor für Theorien und Kritik des Antisemitismus an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen und Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien (CARS) in Aachen und Köln.

Karin Stögner ist Professorin für Soziologie an der Universität Passau und Mitbegründerin des AK Antisemitismus in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.

Stephan Grigat | Karin Stögner (Hg.): Projektiver Antizionismus: Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober, Nomos, Baden-Baden 2025, Paperback und Open Access (unter https://doi.org/10.5771/9783748965787), 600 Seiten