Kryptogold in den Schweizer Bergen

Kryptowährungen werden neuerdings an den Staat gekoppelt: Einige Überlegungen zum Durchsetzungspotenzial von Stablecoin & Co. von Claus Harringer.

Share me on:

»Der Gott, der sich im Geldbeutel versteckt, ist […] besonders tückisch, weil man ihn dort nicht als Gott erkennen kann. Als Folge davon werden die Menschen dümmer, nicht klüger. Sie verlieren den Glauben, immerhin eine Vorstufe der Vernunft, und ersetzen ihn durch den Aberglauben, auch Ereignisse begreifen zu können, die unbegreiflich sind.« (Wolfgang Pohrt, Das allerletzte Gefecht)

… und das trifft auch auf den Gott im Wallet zu.

Wenn es um die ideologischen Verrenkungen jeglicher Form von Nationalökonomie geht, die vor ihren zentralen Kategorien wie Geld oder Wert unvermeidlich kapitulieren muss, fasste Joachim Bruhn diesen Umstand in seinen Vorträgen und Texten bisweilen in die Frage, was denn so etwas wie »Zehn Euro« überhaupt sein sollen, bzw. wovon sie sind – worauf das Maß denn geeicht sei.1 Der zentrale Gedanke dabei: Während die Rede von »Zehn Kilo Spargel« eine sinnvolle Aussage darstellt, ist Geldgebrauch demgegenüber ohne seine Gestalt als Währung und das dahinter stehende staatliche Gewaltmonopol undenkbar.2 Ein Zusammenhang, der sich für Bruhn auch am ersten Text zeigt, in dem Marx überhaupt vom Wert spricht: seinem Kommentar zu den Debatten über das Holzdiebstahlgesetz. Da stellt er (in den Worten Bruhns) fest, dass hier der Ausschluss aller durch alle paradoxerweise umschlägt in, bzw. einhergeht mit dem Einschluss aller durch alle. Dass die Individuen (bzw. nunmehr »Subjekte«) es mit sich vereinbaren müssen, dass sie als Warenbesitzer (nicht zuletzt der Ware Arbeitskraft) auf dem Markt konkurrieren und zugleich als Rechtssubjekte das Gemeinwesen fördern sollen. Damit sind Ausbeutung des Menschen durch den Menschen und Herrschaft des Menschen über den Menschen als gleichrangige Konstituenten einer falsch eingerichteten Gesellschaft zu begreifen.

Tatsächlich auf den Begriff bringt Marx das Geld jedoch erst, nachdem er den des Kapitals entfaltet hat, d.h. den einer permanenten Selbstverwertung des Werts als automatisches Subjekt. Solange diese Akkumulation, die Bewegung Geld-Ware-mehr Geld (GWG‘) soweit in geregelten Bahnen läuft, dass die gesellschaftliche Reproduktion sichergestellt ist – und sei es durch Flucht in fiktives Kapital (Finanzprodukte) im Falle unrentabler Gütererzeugung –, besteht die Rolle des Staatsapparats primär in der Aufrechterhaltung bürgerlicher Verkehrsformen.

Geld ist als reale Erscheinungsform die Paradoxie einer unmittelbaren Allgemeinheit, die aus den ökonomisch-politischen Widersprüchen selbst resultiert und in seiner Erscheinung als Münze oder Geldschein diese Verhältnisse und deren permanente Akkumulationsbewegungen scheinbar stillstellt und handhabbar macht. Solange es einen Garanten für diese gespenstische Gegenständlichkeit gibt, ist das Material der Geldform einigermaßen beliebig und kann also auch als Digitalwährung ausgegeben werden. Die wirkliche (und wirkende) Irrationalität kapitalistischer Produktion als gesellschaftliches Verhältnis verobjektiviert sich im ideologischen Oszillieren zwischen subjektiver Wertbestimmung (Vertrauen) und objektiver Wertbestimmung (Arbeit) und dementsprechend schwankt auch die Einschätzung von Gold zwischen diesen Polen (Psychologie der Marktteilnehmer vs. intrinsischer Materialwert).

Wie sieht das also beim Bitcoin, bzw. anderen Kryptowährungen aus, deren Anspruch ja gerade ist, als dezentrales Geldsystem zu fungieren, das unabhängig von Banken, zentralen Behörden oder Regierungen ist? Das gesamte elaborierte technische Brimborium bei der Erstellung von Bitcoins auf einer Blockchain samt damit einhergehender Reglements3 soll eine systemische Stabilität und Sicherheit suggerieren (»digitales Gold«), die durch Dezentralität, unbestechliche Mathematik (bzw. Algorithmen) und transparente Nachvollziehbarkeit von Transaktionen gewährleistet werden soll. Wenn man sich Argumentationen aus der Krypto-Szene ansieht, reproduziert sich darin jene Trostlosigkeit, die aus den Wirtschaftswissenschaften zur Genüge bekannt ist. Die einen suchen die »Wertsubstanz« vulgärmarxistisch in der objektiven Verausgabung von Arbeit (Rechenleistung), andere finden ihr Heil in der subjektiven Grenznutzenlehre österreichischer Provenienz. Saifedean Ammous (einer der bekanntesten Bitcoin-Befürworter) etwa hält in seinem Buch The Bitcoin Standard: The Decentralized Alternative to Central Banking (2018) den Bitcoin bereits in Embryonalform für eine »highly salable free-market option that is resistant to government meddling« und für eine Alternative zum verabscheuten Fiat-Geld, das von Regierungen ausgegeben wird. Er geht sogar soweit zu sagen, dass dieses nur deshalb akzeptiert würde, , weil Regierungen über Goldreserven verfügen und nicht etwa, weil sie über den Ausnahmezustand entscheiden.

Die Schaffung von Stablecoins stellt aus dieser Sicht eine Brückenfunktion für einen Übergang zum »digitalen Gold« dar. Deren Stabilität ist allerdings eine geborgte, da sie selbst nichts anderes als Kryptowährungen sind, die an staatliche Währungen wie den US-Dollar gekoppelt sind, bzw. versuchen sie, diese auf oben skizzierte Weise zu garantieren: So besitzt der größte Stablecoin-Emittent Tether mittlerweile 140 Tonnen Gold, die irgendwo in den Schweizer Bergen an einem geheimen Ort gelagert werden. In einem Interview mit Bloomberg gab deren CEO Paolo Ardoino Anfang 2026 zu Protokoll, dass sie auf dem Weg seien, zu einer der größten Gold-Zentralbanken der Welt zu werden.

Nun stellt sich zwar seit dem Ende der Dollar-Gold-Bindung im Rahmen des Bretton-Woods-Systems (1944-1973) für alle nationalen Währungen das Problem flexibler Wechselkurse (am wenigsten für den Dollar aufgrund der globalpolitischen Stellung der USA). Die hinter ihnen stehenden Staaten garantieren aber deren Geldfunktion als Zahlungsmittel, was bei Kryptowährungen nur eingeschränkt der Fall ist: Diese kommen meist als Finanzinstrument zum Einsatz, bzw. bei Transaktionen organisierter Kriminalität oder bei der Umgehung von Sanktionen.

Was auf Bitcoin und Co. hingegen aber auf jeden Fall zutrifft, ist, dass ihre Anhänger häufig libertär bis rechtsradikal eingestellt sind (was nicht immer so war) und einen unübersehbaren Hang zu Hypermaskulinität aufweisen – von einem geschlossenen Weltbild aber kaum zu sprechen ist.4 Anstatt sich nun durch diese diffuse Wolke aus Prepper-Mentalität, Selbstmanagement, Transhumanismus und Verschwörungsdenken durchzukämpfen, sollte man sich überlegen, unter welchen Bedingungen sie ihr Ziel erreichen könnten, Bitcoin als Währung durchzusetzen. Irgendwann wird sich auch in den verschweißtesten Krypto-Hirnen die Erkenntnis breit machen, dass dies ohne Gewaltmonopol nicht zu haben sein wird, weshalb es nur darum gehen kann, den Staat entweder zu kapern oder zu unterwandern. Elon Musks »Doge«-Episode im Weißen Haus lieferte einen ersten Vorgeschmack, bzw. benötigt man angesichts staatlicher Abhängigkeit von den Produkten der Tech-Industrie mittlerweile gar nicht so viel Fantasie, um sich vorzustellen, wie denn so ein Umbau ablaufen könnte. Damit wären Big-Tech und ihre Jünger da angekommen, wo sich der linke Staatsfetischismus immer schon eingenistet hatte: bei der Übernahme politischer Macht.

Dass Cliquen Staaten gezielt und planvoll zu ökonomischen Versuchslaboren machen, ist natürlich keine neue Sache: Die »Chicago Boys« brauchten Pinochets Diktatur in Chile, um ihre neoklassischen Theorien durchzusetzen, welche ihrem Lehrer (und Pinochet-Berater) Milton Friedman 1976 einen Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften einbrachten. Die auf ihn zurückgehende  »Schock-Doktrin« mittels massiver Privatisierungen und Ausgabenkürzun-gen führte zunächst zu einer Rezession und später zu hoher Arbeitslosig-keit samt massivem Anstieg von Armut, bremste aber die Inflation und führte zu exportgetriebenem Wirtschaftswachstum, weshalb Friedman Anfang der 1980er Jahre vom »Wunder von Chile« sprach. Wie tröstlich für die Hinterbliebenen der tausenden Toten und die zehntausenden Folteropfer, Teil dieses Mysteriums gewesen sein zu dürfen.

Die Staatwerdung der Krypto-Ideologie nimmt sich einstweilen noch vergleichsweise gewaltarm aus, bzw. gerät sie zur Farce: Nachdem El Salvadors Präsident Nayib Bukele 2021 Bitcoin zu einer gesetzlich anerkannten Währung gemacht hatte, war die Web3-Szene zunächst enthusiasmiert, die Nutzung als Zahlungsmittel sank aber, anstatt zu steigen (in zwei Jahren von 24% auf 8%) und die Umsetzung über das staatliche Chivo-Wallet ließ auch zu wünschen übrig (2024 tauchten aufgrund eines Datenlecks 144 Gigabyte persönliche Daten von über 5 Millionen Menschen aus El Salvador im Internet auf). Mittlerweile hat der Bitcoin seinen Status als offizielles Zahlungsmittel verloren, was nicht zuletzt auf einen Kredit über 1,4 Milliarden Dollar durch den Internationalen Währungsfonds zurückzuführen ist, der die weitgehende Ersetzung der Kryptowährung durch den US-Dollar zur Bedingung hatte.

Das bedeutet natürlich nicht, dass niemand davon profitiert (so hat Tether etwa aufgrund des »kryptofreundlichen Klimas« Anfang 2025 seinen Firmen-Hauptsitz nach El Salvador verlegt) und auch nicht, dass keine Repression damit einhergeht (es darf bezweifelt werden, dass das 2023 errichtete Hochsicherheitsgefängnis CECOT mit seinen 40.000 Plätzen ausschließlich Kriminelle und Terroristen beherbergt).

Vielleicht ist es für Tech-Overlords aber mittlerweile einfacher, gleich selbst eigene Gemein(un)wesen aus dem Boden zu stampfen: Sei es Elon Musks Starbase in Texas (mittlerweile mit eigener Polizeieinheit), Telosa des ehemaligen E-Commerce-Chefs von Walmart, California Forever diverser Silicon-Valley-Investoren, Peter Thiels Beteiligungen an schwimmenden Privatstädten (Seasteading) oder Sam Altmans Praxis – es geht immer um eine Spielwiese für cyberlibertäre Sozialexperimente.

Wenn es ernsthaft um so etwas wie eine befreite Gesellschaft geht, kann die Antwort nie in einer Aneignung von Staat, Wert und Geld bestehen, sondern nur in einer Form sozialer Synthesis abseits davon – einem gesellschaftlichen Gewebe, das Menschen nicht zum bloßen Material macht. Will man die Tech- und Krypto-Oligarchen von der Macht fernhalten, muss man zunächst einmal den Zusammenhang von Staatsgewalt, Waffengewalt und Geldgewalt erkennen, den sie sich aneignen wollen.

Share me on:

[1] Etwa im Vortrag Echtzeit des Kapitals, Gewalt des Souveräns, abgedruckt in der erweiterten und überarbeiteten Neuauflage von Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation (ça ira, 2019).

[2] So wundert sich im zweiten Teil von Goethes Faust auch der Kaiser, dass die Soldaten den Sold allein deshalb akzeptieren, weil auf die Münzen sein Konterfei geprägt ist.

[3] In Kurzform: Wer am schnellsten bestimmte Rechenaufgaben erledigt (»proof of work«) darf zur Kette einen Block hinzufügen (bzw. wird die Transaktion erst nach insgesamt sechs hinzugefügten Blocks bestätigt, falls sich aufgrund gleichzeitiger Erstellung Abzweigungen ergeben) und kriegt dafür einen Bitcoinbetrag (bzw. darf ihn sich ausrechnen). Diese Belohnung halbiert sich alle vier Jahre (»Halving«), da die Gesamtumlaufsumme mit 21 Millionen BTC gedeckelt ist.

[4] Eine Wahlverwandschaft, die David Golumbia in »The Politics of Bitcoin: Software as Right-Wing Extremism« detailliert nachgezeichnet hat. In seinem letzten, posthum erschienen Buch fasst er die gemeinsamen Ideologeme der Cyberlibertarians derart: »Cyberlibertarian discourse is characterized by the remarkable certainty of digital utopians that digital technology not only has political effects, but also radically reforms existing governmental structures in democratic directions and realizes the vision of those existing structures.« (David Goubran, Cyberlibertarians. The Right-Wing Politics of Digital Technology, 2024)

Gespenstisch vergegenständlicht: Eine physische Bitcoinmünze mit der Prägung »In Bitcoin we trust«. (Bild: BestCryptoCodes (CC BY 2.0))