Kybernetisierung der Natur

Magnus Klaue erläutert den Zusammenhang zwischen Ökologie und Ideologie.

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In seiner 1991 erschienenen Studie »Ideology. An Introduction«, deren deutsche Übersetzung zwei Jahre später bei J.B. Metzler veröffentlicht wurde, macht der britische Literaturwissenschaftler Terry Eagleton eine bemerkenswerte begriffsgeschichtliche Beobachtung: »Wörter mit der Endung ‚-ologie‘ haben eine seltsame Eigenschaft: Die Endung ‚-ologie‘ bedeutet Wissenschaft von der Untersuchung eines bestimmten Phänomens, durch einen eigenartigen Inversionsprozess meinen die Wörter auf ‚-ologie‘ jedoch am Ende häufig das untersuchte Phänomen und nicht mehr das systematische Wissen darüber. So bezeichnet ‚Methodologie‘ eigentlich das Studium der Methoden, heute aber wird es oft verwendet, um die Methoden selbst zu bezeichnen. Wenn Sie mir mitteilen, dass Sie Max Webers Methodologie untersuchen, bedeutet das wahrscheinlich, dass Sie sich mit den Methoden, derer er sich bedient, und nicht mit seinen Ausführungen über diese Methoden beschäftigen.« Eine ähnliche Transformation, so zeigt Eagleton, liegt dem zeitgenössischen Verständnis von »Ideologie« zugrunde. Im 18. Jahrhundert, prägnant formuliert in den Schriften der sich selbst unironisch als »Ideologen« bezeichnenden französischen Aufklärer, meinte »Ideologie« die Lehre von der Entstehung, Bedeutung und Wirkung der Ideen, während der Begriff seit dem 19. Jahrhundert, insbesondere seit seinem Gebrauch durch Karl Marx und Friedrich Engels, eine spezifische Form der Ideen selbst bezeichnet, nämlich das »notwendig falsche Bewusstsein« der Menschen von der Organisation der sozioökonomischen Verhältnisse, in denen sie leben.

 

Die »wundervolle Ökologie« Westirlands (Derryclare) (Foto: Bernd Thaller (CC BY 2.0))

 

In späterer Folge dieser Transformation, die zugleich ein Erosions-prozess ist, werden dann, wie Eagleton zeigt, als »Ideologen« in der bürgerlichen Gesellschaft wahllos all jene bezeichnet, die in den Augen des jeweiligen Sprechers falsche, verzerrte, einseitige oder auch nur moralisch unbotmäßige Ansichten vertreten, während umgekehrt manche Parteikommunisten, die sich einbilden, das einzig wahre Erbe von Marx und Engels zu verwalten, ihre Tätigkeit affirmativ als »ideologische Arbeit« bezeichnen. Es ist wohl kein Zufall, dass Eagleton in diesem Zusammenhang als weiteres begriffshistorisches Beispiel die »Ökologie« anführt: »(D)er amerikanische Tourist, der einem meiner Freunde gegenüber die ‚wundervolle Ökologie‘ von Irlands Westen erwähnte, meinte schlicht, dass die Landschaft schön sei«. Tatsächlich konnte »Ökologie« nur dadurch zum phraseologischen Bestandteil einer »Alltagsreligion« (Detlev Claussen) werden, dass der Begriff sich von seiner genuinen Bezeichnungsfunktion löste und zu einer diffusen Generalmetapher für ein gesellschaftliches Verhältnis wurde, dem er möglicherweise tatsächlich historisch entsprungen ist, zu dessen Beschreibung, Analyse und Kritik er aber gerade nicht dient.

Die diffuse Metaphorisierung und falsche Universalisierung von Begriffen, die Eagleton an der Rede von »Methodologie« und »Ideologie« vorführt, hat in gewisser Weise selbst ideologischen Charakter. Triftige Begriffe dienen dazu, die Wirklichkeit aufzuschließen und der Erkenntnis zugänglich zu machen, indem sie sie differenzieren, unterscheiden und nuancieren, einzelne ihrer Aspekte aus ihr herauslösen und zu anderen ins Verhältnis setzen. Begriffe bestimmen und beurteilen ihren Gegenstand, ohne ihn vereindeutigend festnageln oder vervieldeutigend auflösen zu wollen. Deshalb sind Begriffe lebendiger Bestandteil der Geschichte geistiger Arbeitsteilung und der Disziplinen- und Fächergeschichte der modernen Wissenschaften, über deren Departementalisierung sie, weil sie auf Wahrheit und nicht nur auf Korrektheit zielen, hinausweisen. Indem Begriffe zu diffusen Metaphern und blinden Schlagworten werden, reflektieren sie bewusstlos den Zerfall der bürgerlichen Wissenschaften und ihrer Fachsprachen. Ein flagrantes Symptom dieses Zerfalls ist der – häufig als Ausdruck von »Transdisziplinarität« missverstandene – erschlichene Begriffstransfer zwischen Human-, Kultur- und Naturwissenschaften. Am Begriff der Ökologie lässt er sich exemplarisch nachvollziehen.

Dass »Ökologie« seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die älteren Begriffe der Natur und der Umwelt zwar nicht vollständig ablösen, aber beerben konnte, war nur möglich durch eine in dieser Zeit sich abzeichnende Krise der bürgerlichen Natur-, Sozial- und Humanwissen-schaften, deren Ausdruck und harmonistisch verkleisterte scheinbare Auflösung im Ökologiebegriff chiffriert ist. »Ökologie« ist nicht einfach der vermeintlich differenziertere, globalisierte und dem aktuellen Stand der Naturwissenschaften angepasste Begriff für »Natur«, als der er von seinen Apologeten ausgegeben wird. Er reflektiert vielmehr bereits das nachbürgerliche (Un)Verständnis von Naturbeherrschung, das an die Stelle der Begriffe der ersten und zweiten Natur und der kontrastierenden Unterscheidung zwischen körperlicher und geistiger Arbeit die Vorstellung einer im Grunde posthumanistischen systemischen »Wechselwirkung« setzt, in der die Menschen ebenso wie die distinkten Objekte ihrer Tätigkeit zu bloßen Partikeln eines Funktionsprozesses erniedrigt werden.

Dem Begriff der Ökologie ist damit von vornherein eine Tendenz zur autoritären Liquidierung bürgerlicher Arbeitsteilung eingeschrieben: Sein Gegenstand sind nicht mehr die zu einer bestimmten Zeit einer bestimmten Natur als deren bestimmter Teil gegenüberstehenden Menschen, die sich durch deren Bearbeitung – als ihre erhaltende Umwandlung – mit der Natur und dadurch mit sich selbst auseinandersetzen. Gegenstand der Ökologie vielmehr ist ein Nicht-Gegenstand: die eingebildete Totalität der Möglichkeitsbedingung alles Bestehenden, die »die Welt« mitsamt den auf ihr lebenden Naturgegenständen, darunter den Menschen, umfasst und diese so modeln muss, dass sie sich weiterhin als selbsterhaltendes System reproduzieren kann. Man muss kein Ideologiekritiker sein, um in dieser eingebildeten Totalität das als positive Wissenschaft rationalisierte Deckbild der nachbürgerlichen gesellschaftlichen Totalität zu sehen, die die eingeschliffenen Denk- und Praxisformen der bürgerlichen phantomhaft aufrechtzuerhalten bemüht ist, obwohl sie sie eigentlich als störenden Firlefanz abschütteln müsste.

Obwohl die Ideologen der Ökologie sich zur fachgeschichtlichen Legitimation gern auf Alexander von Humboldt und Charles Darwin und damit auf Doyens der bürgerlichen Human- und Naturwissenschaften berufen, verweisen die begriffsgeschichtlichen Anfänge der Ökologie eher in die sektiererischen, obskurantistischen Randgebiete der bereits im Zerfall begriffenen bürgerlichen Wissenschaften. Es war der von seinem Idol Darwin exkommunizierte selbsterklärte »Monist« und Protofaschist Ernst Haeckel, der in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts die Ökologie als eine »Lehre von den Wechselwirkungen der Organismen« bestimmte. In seiner »Generellen Morphologie« schrieb er 1866: »Unter Ökologie verstehen wir die gesamte Wissenschaft von den Beziehungen des Organismus zur umgebenden Außenwelt … Diese sind Teils organischer, teils anorganischer Natur; sowohl diese als jene sind … von der größten Bedeutung für die Form der Organismen, weil sie dieselbe zwingen, sich ihnen anzupassen«. Was Haeckels »Monismus« strikt von Darwins historischer Anthropologie unterschied und 1899 in den spirituellen Spekulationen in »Die Welträtsel« seinen Höhe- oder eher Tiefpunkt erreichte, deutete sich hier bereits an: Wo Darwin die in ihrer Unterschiedlichkeit zusammenhängende Vielfalt der organischen und anorganischen Natur im Hinblick auf die Frage untersuchte, welche ihrer Arten wann und aus welchem Grunde entstanden und verschwunden sind, wie sie sich erhalten, umwandeln und im Wandel ihrer Gestalt dennoch ihre Form bewahren konnten, nivellierte Haeckel die qualitativen Differenzen der Organismen zu bloßen Momenten ein und derselben, sich durch sie hindurch erhaltenden »Wechselwirkung«. Und während Darwins Theorem vom »Kampf ums Dasein« niemals jene Legitimation des »Rechts des Stärkeren« betrieb, für die es von völkisch-eugenischen Nachfolgern in Dienst genommen wurde, entfaltete Haeckel seinen Gedanken des biologischen Anpassungszwangs ausdrücklich in einer Verbindung von Kryptotheologie und Eugenik, die ihn bei frühen Nationalsozialisten beliebt machte.

Lässt sich Darwins Lehre von der Entstehung der Arten als ein Versuch begreifen, jene Geschichte der Menschen als tierentsprungene, sich ebenso auf der Grundlage menschlicher Vernunft wie menschlicher Bedürfnisse miteinander assoziierende Lebewesen zu schreiben, die als bewusstlose trotzdem noch nicht die Geschichte der Menschheit ist, gibt Haeckels »Monismus« dieses aufklärerische Ziel zugunsten einer doppelten Unfreiheit auf. Indem er, jedes naturwissenschaftliche und anthropologische Erkenntnisinteresse überspringend, erklärtermaßen die Restauration durch die Aufklärung untergrabener positiver Religion im Medium positiver Wissenschaft anstrebt, propagiert er statt der Selbsterhebung der Menschen zu der ihrer selbst bewussten Menschheit die Selbstauslieferung der Menschen an den ungeglaubten, aber umso autoritäreren Glauben. Indem er außerdem den Begriff der Ökologie gleichzeitig auf das griechische oikos als Bezeichnung für die Haus- und Wirtschaftsgemeinschaft und als Keimzelle gesellschaftlichen Lebens bezieht, verwandelt er, anders als Darwin, dem es um die Bewusstwerdung der Geschichtlichkeit allen organischen Lebens ging, Gesellschaft zurück in einen einzigen Organismus, von dem die individuierten Organismen nur ohnmächtige Partikel seien.

Dass dies bis heute Charakteristika der Ökologie sind, die diese nicht etwa zugunsten einer aufklärerischen Weltauffassung ad acta gelegt hat, sondern weiterhin deren Denkform bestimmen, zeigt sich an ihrer Begriffsgeschichte seit den siebziger Jahren. Sie ist geprägt vom Bemühen um »ganzheitliche« Amalgamierung von Naturwissenschaft, Kybernetik, entsoziologisierter Systemtheorie und esoterischer Psychotechnik. Von teils human- und teils naturwissenschaftlichen Ausgängen her, wird dieser Weg etwa in den zu ihrer Zeit jeweils sehr populären Schriften von Gregory Bateson (»Steps to an Ecology of Mind«, 1972; »Mind and Nature«, 1979), Fritjof Capra (»Wendezeit«, 1983; »Lebensnetz«, 1996) und Huberto R. Maturana (»Der Baum der Erkenntnis«, 1987; »Biologie der Realität«, 1998) beschritten. Alle drei betreiben die von Eagleton dargestellte diffuse Metaphorisierung und falsche Universalisierung distinkter Begriffe über die Grenzen der Scharlatanerie hinaus. Bateson, indem er die Terminologie der »Nerven« und neuronalen »Netzwerke« in eine kryptische Anthropokybernetik überführt, die die Unterscheidung zwischen den Menschen und den von ihnen hergestellten und benutzten technischen Hilfsmitteln gänzlich kassiert; Capra, indem er ahistorisch die altehrwürdige, aber überholte Einheit von Physik und Metaphysik bemüht; Maturana, indem er den systemtheoretischen Begriff der Autopoiesis, den er von Luhmann, mit dem er auch zusammenarbeitete, entlehnt, auf biologische, physiologische und naturgeschichtliche Prozesse
jeglicher Art überträgt. Wenn sich solche erschlichenen Metaphorisie-rungen heute erneut in Disziplinen wie der historisch ebenfalls auf das späte 19. Jahrhundert zurückgehenden »Kulturökologie«, der »Sozialökologie« und der »Geschlechterökologie« finden, unter deren Namen ganze weitgehend gegenstandslose Forschungsbereiche aus dem Boden gestampft werden, zeigt dies, dass der Regressionsprozess, der mit Haeckel begonnen hat, noch lange nicht zu Ende ist.

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