Mit FREI DENKEN, FREI LEBEN, 2025 im Wiener mandelbaum Verlag erschienen, legt die Historikerin Brigitte Rath eine Biographie der Journalistin, Schriftstellerin und Aktivistin Olga Misař vor.
Biographiewürdigkeit wurde in der Geschichtsschreibung lange vorwiegend sogenannten großen Männern zuerkannt; sie beherrschten folglich die Forschungs- und Publikationslandschaft. Das Interesse an einer Frauen- bzw. Gendergeschichtsschreibung hat – langsam – zu einem veränderten Zugang in diesem Bereich geführt. Doch auch in der Herstory existiert ein Kanon, der sich an »bedeutenden« Frauen, häufig Herrscherpersönlichkeiten, ablesen lässt, deren Biographien aus kommerziellen Gründen bevorzugt zu runden Jubiläen erscheinen. Politisch bedeutsame Personen der zweiten Reihe rückten bisher seltener in den Fokus.
Andreas Pavlics Roman SELIGE UNRUHE, im März 2026 im Wiener Verlag Edition Atelier erschienen, beleuchtet Möglichkeiten und Wege zivilen Widerstands am Beispiel einer lang bestehenden Aktivistinnengruppe.
Carla legt den Brief auf die Seite, lehnt sich zurück. In Gedanken schweift sie durch die Vergangenheit, zurück zu ihrem Aufwachsen in Funkberg, ihrer Kindheit, den Teenagerjahren, den ersten Partys im Keller des elterlichen Wohnhauses. Damals ist Gerda bereits dabei gewesen. Ihre wilde Zeit später, als sie Funkberg auf den Kopf stellten und gegen das Kraftwerk demonstrierten, mit Undercut und erhobenen Fäusten. Gerda und sie. Das ist ... das ist wirklich schon lange her.
Auch in FREI DENKEN, FREI LEBEN steht das Zurückblicken, genauer, die Art der Zusammensetzung der fragmentierten Vergangenheitssplitter, eine große Rolle.
Die Konstruktion einer Biographie ist nicht zuletzt von den vorhandenen Quellen abhängig. Im Verlauf der Recherchen stellte sich heraus, dass Olga Misař aufgrund ihrer Flucht aus Österreich während der Naziherrschaft und ihres Todes im englischen Exil keinen Nachlass hinterlassen konnte. Dennoch existiert ein Korpus von Materialien aus unterschiedlichen Entstehungszusammenhängen – journalistische und literarische Texte, private Briefe sowie einige Fotos. Somit tritt sie in unterschiedlichsten Textgattungen hervor – als Verfasserin politischer Artikel, einer Vielzahl von Briefen, von Kurzgeschichten und theoretischen Schriften.
Solche Einzelschicksale bieten Möglichkeiten, differenzierte Aussagen über Erfahrungen, Alltäglichkeiten, Brüche und Kontinuitäten sichtbar zu machen und schützen vor allzu generalisierenden Festschreibungen. Sie vermitteln aus der Akteursperspektive, in welchem Ausmaß Geschichte jeweils nicht (nur) erlitten, sondern aktiv gestaltet und geformt wird. Sie zeigen, dass Fäden verknüpft – beispielsweise zwischen dem Privaten und dem Politischen –, vorhandene Verknüpfungen erkannt sowie die Kontexte hergestellt und in die Analyse einbezogen werden müssen. Individuelle Handlungsspielräume beziehungsweise Handlungsmöglichkeiten werden sichtbar, ebenso wie sich gegebene Strukturen und Muster auf individuelle Leben auswirken. Handlungsmöglichkeiten sind je nach den historischen Kontexten unterschiedlich deutlich auszumachen und werden unter anderem durch sozialen Status, Geschlecht oder Alter beeinflusst. Sie ergeben sich auch aus den Netzwerken, in denen sich Personen verorten.
Vor dem Hintergrund des Resümierens von Zurückliegendem wird die Notwendigkeit des Handelns in der Gegenwart offensichtlich.
»Ich glaube, der gestrige Tag hat bewiesen, dass wir mutig sein müssen. Bezé hat es uns gezeigt. Wenn wir wollen, dass diese Machenschaften aufhören, müssen wir mehr tun, als ein Petitiönchen verfassen.«
»Aber Gerda, ganz im Ernst, wie stellst du dir das vor?«
Amela will nicht glauben, dass Gerda, die ja ansonsten so kluge Dinge sagt, wirklich vor dem Rathaus zelten möchte.
»Wir müssen die Menschen wachrütteln. Oder nicht? Erst wenn sie halbwegs munter sind, können wir inhaltliche Auseinandersetzungen führen und Anträge oder sonst was schreiben.«
Auseinandersetzungen, die auch zentral entlang der Kritik an Geschlechterordnungen verlaufen.
Mit der Kritik an den Herkunftsverhältnissen der zukünftigen Richterinnen kommt die Liebe ins Spiel und in der Folge eine Kritik an den Geschlechterverhältnissen. »Frauen, die selbst keine Liebeserfahrung besitzen oder die ihre Selbstdisziplin zum Entsagen zwang«, urteilten oft hart und unerbittlich gegen »Sünderinnen«. Es seien also nicht nur Männer, sondern auch Frauen, die eine rigide Sexualmoral vor allem vom eigenen Geschlecht einforderten, so die Autorin. Diese Frauen sollten die Geborgenheit des warmen Nestes verlassen.
Doch nicht nur über Geschlechts-, sondern auch Klassenzugehörigkeit…
Andere wiederum bemerkten, dass die gottgewollte Ordnung sie nicht vor Hunger, Seuchen und Kriegen schützte – waren wirklich ihre Sünden daran schuld? Die Preise stiegen, und die Steuern – lag es wirklich daran, dass sie zu wenig arbeiteten? Wer lebte denn in Saus und Braus und wer schuftete sich zu Tode? Wem knurrte abends der Magen und wer rülpste laut vor Zufriedenheit? Wer hatte Schwielen an den Händen und wer trug feinen weißen Stoff? Aber war es wirklich das, was Agnes sagen wollte? Was wollte sie?
Und vor allem: wie den Kampf bestreiten?
Der Kampf dürfe »nur niemals zur brutalen, äußerlichen Gewalt, nicht zur Herrschaft, Unterdrückung und Knechtung fremder Meinung führen, sondern er muß sich reiner, kultivierter, geistiger Kampfmittel bedienen.« Ein Messen der Kräfte führe zu Fortschritt, es komme nur auf die Formen an. Die kampflose Methode führe zur Vertuschung der Gegensätze, der Kampf, der Differenzen bloßlege, hingegen zu schnellerer Verständigung. »Wir, die den Staat beseitigen wollen, müssen ihn bekämpfen und seine Fehler aufdecken. Wir kommen ohne Kampf gegen seine Anhänger, gegen Bürokraten, Feudale, Militaristen, Klerikale nicht aus.«
Energie war nötig…
Dann kam ihr Aufbruch, ihre Erweckung. Sie wurde ein Kind ihrer Zeit. Sie war fasziniert von der Bürgerrechtsbewegung in Amerika. Die Ermordung von Martin Luther King. So begann ihre Rebellion. Zunächst gegen die kirchlichen Schwätzer, die zu allem Unrecht ihren Segen gaben. Kanonen segneten und Tyrannen stützten. Nicht nur hier, sondern auch in Lateinamerika, in der ganzen Welt. Stupide Keuschheit predigten, statt eine gewaltfreie Sexualität zu feiern. Darum gehe es doch. Durch Gott zur Autonomie. Die Macht verabscheuen und eine andere Verbindung zu den Menschen suchen.
»Versteht ihr? Ich rannte gegen verriegelte Türen. Die Kirche hier verbarrikadierte sich, auch alle staatlichen Institutionen waren wie vernagelt.«
Dann entdeckte sie die Mystik. Und endlich hatte sie eine Spur gefunden.
»Ich musste mich noch einmal verlieren, weil ich sah, dass die Welt zwar verloren, aber wieder zu gewinnen war. Versteht ihr? Ich suchte nach einer verwandelten Welt.«
Währenddessen bringt die antagonistische Welt ihre Handlanger ins Spiel: »Wer ist der Maulwurf?«, ist die Überschrift eines Kapitels.
»Irgendjemand hat uns an die Polizei verraten. Das ist klar«, presst Gerda hervor. Die Gruppe von Frauen sitzt in der Roten Bärin.
»Vielleicht haben sie es irgendwo gehört«, versucht Carla, es etwas neutraler zu formulieren.
»Gehört? Natürlich haben sie es gehört, aber dazu braucht es jemanden, der es zuvor laut gesagt hat.«
Amela nickt.
»Es war echt arg. Wir sind gelaufen wie die Hasen.« Amela ist aufgeregt, wütend: »Ich konnte kaum schlafen. Was ist, wenn ich erkannt worden bin? Wie wir gerannt sind, wie um unser Leben!«
»Die haben uns aufgelauert. Nur ihre Dummheit hat verhindert, dass sie uns nicht auf frischer Tat ertappt haben. Das war richtig scheiße«, bestätigt Bezé.
»Sie wussten, was wir vorhatten, und haben sich auf uns gestürzt. Ich möchte nicht wissen, wie weit das Amt schon informiert ist«, sagt Amela.
»Womöglich wurden wir abgehört«, überlegt Margit laut.
»Das wäre doch viel zu aufwendig. Aber irgendwoher haben sie die Informationen. Sie setzen uns unter Druck, und die Bewohner sind noch zu wenig darüber informiert. Wir müssen vorsichtig sein. Der Kramsacher will uns fertig machen.«
Was genau passiert ist, kann sich niemand erklären.
Was aber passieren muss, das bleibt Prozess statt Feststellung, es braucht Optimismus und Scharfsinnigkeit.
Wesentlich optimistischer bewertete sie die Situation in revolutionären Kreisen, damit war wohl die anarchistische Bewegung gemeint, der sie sich zugehörig fühlte. Dort arbeiteten Männer und Frauen für gemeinsame Ideen zusammen und es gäbe bereits ein kameradschaftliches Verhalten. Allerdings mussten sie hier auch nie dafür kämpfen. Das sei ein Hinweis darauf, dass die wesentlichen Errungenschaften der Frauenbewegung nicht erkämpft, sondern gelebt werden müssen. Die Frauen müssten damit beginnen, sich frei zu fühlen und das als Voraussetzung der Freiheit anerkennen. Erst dann winke die Aussicht auf einen Fortschritt, das sei entscheidend, denn die Freiheit müsse von innen kommen – für die Frauen und alle Unterdrückten. Sie ging von Wellenbewegungen in der Entwicklung aus und stellte fest, dass Frauenrechte immer wieder neuerlich erkämpft werden müssten – eine Erkenntnis, die auch heute nichts an Brisanz eingebüßt hat.