»Wir müssen bereit sein, wieder mehr und härter zu arbeiten.« (Roland Busch, Vorstandschef von Siemens)
»Allein durch Genialität wird man es nicht schaffen, man muss auch schwitzen.« (Stefan Hartung, Vorsitzender der Geschäftsführung von Bosch)
»Wir müssen klarmachen, dass wir wieder mehr, härter und anders arbeiten müssen.« (Christian Sewing, Chef der Deutschen Bank)
»Haben die Deutschen ihre berühmte Arbeitsmoral vergessen?« (Chris Bryant, Kolumnist bei Bloomberg)
»Überhaupt nicht okay war, dass von Verdi gefordert wurde, die Arbeitszeit von 38 auf 35 Stunden zu reduzieren. Die Lösung für Deutschland ist doch nicht, weniger zu arbeiten – sondern mehr! Uns als Gesellschaft geht es jedenfalls nicht besser, wenn ein paar Funktionäre solche wahnsinnigen Ideen in die Welt setzen.« (Uli Hoeneß)
»Wir müssen in diesem Land wieder mehr arbeiten.« (Friedrich Merz)
»Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, müssen wir mehr arbeiten statt weniger.« (Karoline Edtstadler)
Die Zeichen der Zeit scheinen klar. Das Kapital und seine Verwalter befinden sich in einem heroischen Abwehrkampf gegen vorsichtige Vorschläge zur Arbeitszeitverkürzung, gegen klar prä-revolutionäre Ideen wie die, das Leben um ein kleines Quäntchen weniger schlecht, überfordernd und entfremdet zu machen, gegen das leise Flehen und Bitten vieler, doch nicht die Angriffe gegen chronisch kranke, behinderte oder psychisch stark belastete Menschen zu verschärfen, sie noch vehementer zur Arbeit zu zwingen, ihre Versorgung zu beschneiden und ideologisch gegen sie aufzurüsten. Wer zweifelt, nach dem Abriss des Bürgergelds, Einsparungen und Verschärfungen hier und dort – übrigens auch in Österreich –, bei Meldungen, wonach eine überwältigende Mehrheit der Bevölkerung den Sozialstaat für nicht mehr finanzierbar hält, noch daran, dass diese Verteidigungsoffensive gelingen wird? Und wir bald statt der 35-Stunden-Woche eine 53-Stunden-Woche bewältigen werden müssen? Wollen uns Kathrin Birner und Stefan Dietl mit ihrem neuen Buch »Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen. Über den Kampf um freie Zeit« (UNRAST Verlag) also nur veräppeln – oder gar mit dem Beharren auf utopistischen Szenarien die Energien einsacken, die es zur Verteidigung des bestehenden Schlechten gegen noch Schlechteres bräuchte? Kein Vorwurf könnte unberechtigter sein, so wie es auch kein richtigeres Buch zur falschesten Zeit geben könnte. Utopisch wäre es zu glauben, dass es so, wie es ist, weitergehen wird. Realistisch ist die Annahme, dass man sich aktuell unbedingt Utopien leisten sollte. Ohne zumindest die Hoffnung auf Hoffnung ist auch die schönste Kritik nur schön. Der Clou des Buches ist, dass dessen Autor:innen darin das emanzipatorische Potential historischer wie aktueller Arbeitszeitkämpfe freilegen. Wird etwa in herkömmlichen Medien über die 4-Tage-Woche nur unter dem Aspekt der möglichen Produktivitätssteigerung durch bessere Gesundheit und höhere Zufriedenheit debattiert, zeigen Birner/Dietl, wie weit verbreitet die Ideen einer Arbeitszeitverkürzung zum »bloßen« Selbstzweck in der Bevölkerung sind, entgegen all des ideologischen Dauerbombardements. Natürlich widerlegt das nicht den bekannten Befund, wie tief das Arbeitsethos in die Persönlichkeits-struktur der Lohnabhängigen eingewandert ist, zu wie viel Grausamkeit sich selbst und anderen gegenüber der internalisierte Arbeitsfetisch motiviert, und dass sich daraus der Hass auf als schwach Empfundene speist. Nun muss es aber schon rein statistisch so sein, dass viele derer, die andere, schwächere Menschen sich zu Tode rackern sehen wollen, selbst zu jenen gehören, die auch nicht bei gutem Willen den Sinn ihrer eigenen Lohnarbeit erkennen, und stattdessen unbedingt mehr selbstbestimmte Zeit zur Verfügung haben wollen. Folgt man Birner/Dietl, könnte dieser Wunsch ein unterschätztes Einfallstor für emanzipatorische Vorstellungen und Ideen sein; und die Klage über zu viel Lohnarbeit schon die Vorbereitung einer Kritik der Lohnarbeit überhaupt. Das klingt zugegeben weit hergeholt, aber wer macht sich heute schon noch die Mühe, etwas von weit her zu holen? Birner und Dietl beschreiben, dokumentieren, argumentieren und streiten so sauber wie überraschend; und ihre wohldosierte Skepsis, ihre Zweifel, ihr Sinn für die Bedeutung der Rückschläge in Fragen des Arbeitszeitkampfes sind bei allem Mut- und Weitermachen spürbar.
Und sie wissen auch: Man darf den Lohnabhängigen keine Vorschusslorbeeren in den Weg der Entwicklung legen.
»Mehr Zeit zum Lieben, Leben, Lachen« ist ein doppeltes Trojanisches Pferd. Wer sich von den gewerkschaftlich engagierten Autor:innen einen puren Fokus auf die konkreten Kämpfe und Strategien, auf Fortschritte und Niederlagen, erhofft, wird von hoher theoretischer Dichte und nicht zu wenig Grundsatzkritik herausgefordert; wer vom u. a. an Wolfgang Pohrt und Hermann L. Gremliza geschulten Mitautor Stefan Dietl ‚nur‘ eine bittere antikapitalistische Polemik erwartet, wird durch präzise Einblicke, wie sich die gewerkschaftlichen Auseinandersetzungen, Forderungen und daraus resultierenden Widersprüche der vergangenen Jahrzehnte konkret gestalteten, und welche Rolle dabei die Frage der Arbeitszeit spielte, überrascht. Natürlich sind beide Stränge des Buches nicht voneinander zu trennen. Die Frage, ob Gewerkschaften grundsätzlich nicht anders können, als mehr dem Standort denn den wahren Interessen zumindest ihrer Mitglieder verpflichtet zu sein, zieht sich implizit durch das ganze Buch.
Das Buch beginnt mit einer ausführlichen Geschichte des Kampfes um mehr Freizeit. Diese Geschichte wiederum beginnt mit der Entstehung des Konzeptes der Arbeitszeit überhaupt, das in dieser Form vor der kapitalistischen Industrialisierung unbekannt war, so wie mit der zunächst sukzessiven Ausdehnung des Arbeitstages: Wurden im Jahr 1800 im Schnitt zehn bis zwölf Stunden am Tag gearbeitet, betrug die Arbeitszeit 1860 zwischen 14 und 16 Stunden, die Wochenarbeitszeit damit mehr als 85 Stunden. Früh schon stand die Frage der Arbeitszeit im Fokus der sich entwickelnden gewerkschaftlichen Bewegungen, spätestens mit der deutschen Reichsgründung 1871 gelangte sie in den Mittelpunkt gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen. Opposition erfuhren die Gewerk-schaften in dieser Frage nicht nur von Seiten der Industriellen, sondern auch von Reichskanzler Otto von Bismarck. Seiner Überzeugung widerspreche es, »in die Unabhängigkeit des Arbeiters, in sein Erwerbsleben und in seine Rechte als Familienhaupt so tief einzugreifen wie durch ein gesetzliches Verbot, seine und der Seinigen Arbeitskräfte nach eigenem Ermessen zu verwerten.« (Ein impliziter Hinweis auf Kinderarbeit: 1908 wurde die Arbeitszeit für Kinder auf elf Stunden täglich herabgesetzt. Erst 1960 übrigens wurde in der BRD die Arbeit von Kindern in der Landwirtschaft verboten.) Bald aber standen erste Erfolge zu Buche. 1873 gelang es den Buchdrucker*innen, den ersten nationalen Tarifvertrag zu erkämpfen. Er beinhaltete die erste reichsweite Regelung zum Zehn-Stunden-Tag. »Eine Stunde für uns! Eine Stunde für unsere Familie! Eine Stunde fürs Leben!« – übersetzbar als Forderung nach dem 8-Stunden-Tag –, war das Motto des Streiks in der sächsischen Textilindustriestadt Crimmitschau 1903/1904, einem der längsten Streiks der
deutschen Geschichte. Frauen, deren Organisationsgrad dort höher als jener der Männer war, standen dabei an vorderster Front. Durch landesweite Solidarität unterstützt, konnte der Streik erst mithilfe der Kirche und der Regierung gebrochen werden. Dennoch legte er die Grundlage für die gesetzliche Regelung des 10-Stunden-Tages.
International war man teilweise früher viel weiter: 1840 erstreikten die Tischler*innen im neuseeländischen Wellington den 8-Stunden-Tag, 1856 die Bauarbeiter*innen und Steinmetze in Melbourne. In Deutschland wurde die 40-Stunden-Woche erst ab Ende der 1970er- Jahre zur Norm. Doch bereits 1984 gingen einige Gewerkschaften wieder in die Offensive und forderten in einer großen sozialen Machtprobe die 35-Stunden-Woche, allen voran die IG Druck und Papier. Im Rahmen der ausgedehnten Streiks der Drucker*innen konnte tageweise die Herstellungen von Tageszeitungen verhindert werden; eine Notausgabe der FAZ wurde am 24. Juni per Hubschrauber aus einer von Streikenden belagerten Druckerei ausgeflogen. Im Kontext der Arbeitszeitfragen steht natürlich auch das Recht auf Urlaub. Kurios mutet heute folgende Stellungnahme der Chemnitzer Handelskammer Ende des 19. Jahrhunderts an: »Es geht viel zu weit, einen Erholungsurlaub für Leute einzuführen, die nur körperlich tätig sind und unter die Gesundheit nicht schädigenden Verhältnissen arbeiten. Für Beamte, die geistig tätig sind und häufig Überstunden arbeiten müssen, die auch keine körperliche Ausarbeitung bei ihrer Tätig haben, erscheint die Erteilung von Erholungsurlaub gerechtfertigt. Für Arbeiter dagegen ist ein solcher Urlaub in der Regel nicht erforderlich. Die Beschäftigung dieser Personen ist eine gesunde. Eine geistige Anstrengung kommt nicht vor.«
Ein längerer, sehr gelungener Abschnitt widmet sich der Arbeitszeit-verkürzung als feministischem Projekt, getreu dem Motto: »Ohne Feminismus ist es keine Arbeitszeitdebatte.« Darin wird u. a. die Vier-in-einem-Perspektive der Soziologin Frigga Haug präsentiert. Ein weiteres Highlight ist ein Interview mit dem Gewerkschafter Lothar Galow-Bergemann. Es handelt von der Bedeutung der Digitalisierung des Kapitalismus. Warum gerade die Freude, dass die Maschinen uns die Arbeit abnehmen, innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise mitnichten eine ist, warum Produktivitätsfortschritt Arbeitszeitver-längerung heißen kann; diese und weitere Widersprüche benennt Galow-Bergemann: lehr- und ernüchterungsreich. Einen schwungvollen Abschluss des Buches bildet das Interview mit der 4-Stunden-Liga, einer in Kassel gegründeten Initiative, die sich für eine radikale Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohn- und Personalausgleich einsetzt. »Dabei geht es um einen Umbau der Gesellschaft, welcher auf die Reorganisation von gesellschaftlich notwendiger Arbeit sowie die Frage nach Zeitautonomie zielt.«
Wer etwa Dietls Tourplan mit seinen anderen Büchern kennt, muss auch nun davon ausgehen, dass Birner/Dietl nonstop schlecht vergütet unterwegs sein werden, um »Mehr Zeit zum Leben, Lieben, Lachen« zu präsentieren. Inkohärenz! Die sollen sich schonen! Aber nein, ein Irrtum. Es kann im Kapitalismus keine sinnvollere und weniger entfremdete Tätigkeit geben, als in gemütlicher Runde über die Notwendigkeit der schrittweisen Reduktion der Lohnarbeit bis zu ihrem völligen Verschwinden aufzuklären.