Herzblutwiese Stadtwerkstatt, so heißt der Film von Tanja Brandmayr und Claudia Dworschak, der kurz vor der Veröffentlichung steht. »Mit diesen vielen Projekten in diesen vielen Jahren in der gemeinsame Sphäre der Revolte. Und da war immer wieder das Gefühl: Soviel Herzblut auf der Herzblutwiese«, so heißt es im Off-Kommentar zum Titel. Revolte, also: Widerstand. Und Herzblut, was sagt das? Eine Bezeichnung für Liebe, Leidenschaft und Engagement, kurzum für die Dinge, die, koste es, was es wolle, getan werden wollen. Herzblut ist jedenfalls als Antrieb des Kulturprojekts Stadtwerkstatt vor- und vorausgestellt, in diesem Sinne ist dieser Film selbst auch ein von Herzblut-getriebener, denn die Macherinnen sind zugleich leitender, künstlerischer und dokumentierender Teil der Stadtwerkstatt in Linz, der Film selbst eine riesige 113minütige Wiese, ob Spielwiese, Opferfeld oder Kampfplatz, auf der Erinnerungen, Archivmaterialien und Deutungen aus fast einem halben Jahrhundert Stadtwerkstatt weit ausgebreitet und neu zueinander positioniert sind.
Struktur
»Die Stadtwerkstatt /STWST wurde 1979 gegründet und entwickelte sich als autonome Struktur in Linz.«, so heißt der erste Zwischentitel. »Sie zeichnet sich durch Ablehnung einer domestizierten Kultur sowie Kritik an der autoritären Nachkriegsgesellschaft aus.« Näher bestimmt wird »Struktur« so: »Die Stadtwerkstatt agiert bis heute zwischen Kunst, Medien, Musik, sozialer Sphäre und Öffentlichkeit.« Dazu ist eine Musikimprovisation mit verstärkter Stimme, Perkussion, und Instrumenten,– wahrscheinlich aus den 1980er Jahren – zu bestaunen, eine Gegenlichtaufnahme mit den Silhouetten der Performer:innen, soundtechnischen Apparaturen und Kabeln, irgendwo innen vor großer Glasfassade, hellem Himmel und einer lichtspiegelnden Donau. Ein Monitor zeigt dazu zuckende visuelle Rückkopplungen in schwarz und weiß. Das musikalische Konzept bietet stolpernde Rhythmik, keine Harmonien, keine kompositorische Absprache, bis auf eine konsequente Einvernehmlichkeit über genau diese Punkte. Es sticht der weibliche Sprechgesang hervor: (an)klagend und leiernd, ironisch und provokant. Gleich der Zwischentitel: »Die Stadtwerkstatt aus feministischer Perspektive.« Und das geht an die Struktur, wird sogar den zuvor genannten Kategorien wie »Kunst, Medien, Musik, sozialer Sphäre und Öffentlichkeit« ihre vermeintlich neutrale Färbung wegnehmen.1

Die frühen Tage der Stadtwerkstatt (Filmstill Herzblutwiese Stadtwerkstatt)
Weibliche Stimmen, namenlose O-Töne leiten gleich nach der Titel diese Operation ein: »Also, ich war als Frau natürlich immer wieder, in den 80er Jahren, konfrontiert mit Sexismus… und wie, glaub ich, alle anderen auch, immer wieder konfrontiert waren mit dem, was wir als fast normal angesehen haben, dem Alltagssexismus … innerhalb der Uni, innerhalb … in allen Lebensbereichen eigentlich.«2 und: »Ich glaub, das sieht man auch erst hinterher, welche Funktion man als junge Frau in diesem Kontext gehabt hat.«
Nachträglich
Nachträglichkeit ist ein entscheidendes Konzept in der psychoanalytischen Theorie. »Erfahrungen, Eindrücke, Erinnerungsspuren werden später aufgrund neuer Erfahrungen […] umgearbeitet. Sie erhalten somit gleichzeitig einen neuen Sinn und eine neue psychische Wirksamkeit.«3 Es ist »die rückwirkende Konstitution von Bedeutung. Dieses Konzept untergräbt radikal lineare Vorstellungen von Kausalität, indem es postuliert, dass die Wirkung der Ursache vorausgehen kann.«4 Dies kann wohl auch auf Herzblutwiese Stadtwerkstatt angewandt werden, wenn der Film als Wirkung gesehen wird, die der Ursache vorausgeht. Als Ursache kann hier mit aller notwendigen Unschärfe der Signifikant ‚Sexismus‘5 eingesetzt werden, als vorausgehende Wirkung ein »Unbehagen«6 über Geschlechterverhältnisse in der Geschichte der Stadtwerkstatt, was der Film dokumentierend bezeugt, wie er es zugleich erzeugt. Dieses Konzept, scheint das Verfahren des Films mitzubestimmen. Es unterscheidet sich von Schuldzuweisung und setzt kein konfliktfreies Projektleben »in diesen vielen Jahren der gemeinsame Sphäre der Revolte« als möglich voraus.
Eine andere Stimme im Film, Magi Neumann, die in frühen Tagen der Stadtwerkstatt dort feministische Tage veranstaltete, artikuliert in einem ihrer »Lieblingssprüche« an »die Jungs«, eine Version dieses Gedankens: »Persönlich magst ja ganz nett sein, strukturell gesehen bist ein Arschloch.« Der Witz ist, dass das verschieden gehört werden kann, als unerwarteter Tiefschlag, aber auch als attackierendes Kompliment, insofern eine Unterscheidung zwischen realisierten und unrealisierten Anteilen von Erfahrungen artikuliert, zwischen Struktur und adressiertem Subjekt. Was Magi Neuman gleich anschließend erzählt, nämlich, dass sie lesbisch sei und dies in dieser »autonomen Struktur« nicht hätte sagen können, weil sie sich – als »Alien« – dort vor Reaktionen gefürchtet habe, ist hochsignifikant und lässt nachträgliche, queer-feministisch-filmische Spurensuche und Umordnung von Erinnerungsstücken samt -lücken als umso notwendiger erkennen. Und wie stellt der Film das an?

Die ersten Minuten des Filmes (Filmstill Herzblutwiese Stadtwerkstatt)
Viele
Herzblutwiese Stadtwerkstatt sprengt schon durch die Anzahl der mit Namen und O-Tönen vor der Kamera halbnah Porträtierten die Limite von genauer Erinnerbarkeit und Orientierung.7 Es sind nämlich neben vielen Menschen auf den Archivmaterialien nicht weniger als 54 eingeladene ‚Protagonist:innen‘, fast alle mit weiblichen Namen. Etwa ein Drittel von ihnen ist auch, ihre Geschichte und Geschichten erzählend, im Off-Ton zu hören, alle Porträtierten sind jedoch stumm in der Interaktion mit der Kamera zu sehen, statt ‚Talking Heads’: gewagte Blicke, starke, tiefe, offene, ein wenig verlegene oder freche, mit mehr oder weniger Vertrauen zu sich und zur Kamera. Dies schafft keine gegeneinander konturierten Charaktere, sondern eine Art abstrahierender Superposition und Verschmelzung zu einer vielgestaltigen, untereinander verbundenen Struktur. Hinzu kommt, dass die einzelnen Erzählungen nicht mit dem Bildschnitt auf die neue Person beginnen, sondern vor- und nachlaufen, auch miteinander in Dialog gebracht werden, so dass nur ungefähre, schwebende Zuordnungen entstehen, ein gleitendes Gewebe von
verschiedenstimmigen Äußerungen in einem gesamten Stimmkörper.
Etwa ein Drittel dieser Porträtierten sind außerdem szenisch in Verbindung mit einer dunklen Bühnenfläche gebracht, auf die sie nach und nach persönliche Erinnerungsobjekte zur weiblichen und queerfeministischen Geschichte der Stadtwerkstatt legen, bis die Fläche vollgestellt ist. So kommt etwa ein »Stück obsolete Technologie«, ein VGA-Verbinder, der »Genderchanger«, zu den Objekten, obsolet wohl hinsichtlich seither erfolgter technologischer wie gendertheoretischer Wandlungen. Auch ein Weidenkorb wird in Großaufnahmen gezeigt, gerade so ein Korb für Wäsche, wie er einer der Porträtierten, die in der Stadtwerkstatt zur Welt kam, als Säuglingsbett diente. Ebenso spielt ein zerbeulter, metallischer Baseballschläger, mit Kunstblumen umwickelt, eine markante Rolle, als Konkretion »radikaler Zärtlichkeit«, etwa im Kampf um veränderte Clubkultur für FLINTA-Personen. Dabei sind auf der Bühnenfläche bei halbtotalen und halbnahen Einstellungen viele der Plakate und Druckwaren einer solchen archivarischen Arbeit nicht oder kaum zu lesen, die Objekte bleiben rätselhaft, werden auch nicht unbedingt kommentiert, so dass sie als unvollständige Eindrücke anfluten, auf eigene Erfahrung und Ergänzung setzen – auf nachträgliche und wechselnde Realisierungen.
Stimme
Eine Stimme verbindet alle Filmelemente, führt durch den Film, gibt Orientierung. Es ist die Stimme Tanja Brandmayrs, die auch die Texte geschrieben hat, präzise und poetisch, in dieser Art politisch. »Ich habe die Stadtwerkstatt als Ort erfahren, wo sich großartige Fähigkeiten und großartige Unfähigkeiten gleichwertig versammeln. Aus guten Gründen.« Sie erzählt und kommentiert und moderiert und bezeugt ebenso die Geschichte der Stadtwerkstatt wie ihre persönlichen Erfahrungen und Kunstprojekte. Konsequent ist, dass aus dieser Position die ganze Geschichte der Stadtwerkstatt erzählt werden muss und nicht versucht wird, einen queerfeministischen oder ‚besonderen‘ Teil abzutrennen.
»Was man generell verstehen muss, in der Stadtwerkstatt nimmt dich niemand an die Hand. An die Hand musst du dich, deine Kunst und
deinen Feminismus selber nehmen. ‚Hands on‘ geht aber hier ganz gut. Du kannst hier deinen eigenen Kunstbegriff entwickeln. […] Du kannst hier deine eigenen Rückbezüge auf das große Ganze herstellen.«
Das Ganze
Was »das große Ganze« sein mag, auf das dieser Film, mit befreiender Chuzpe der Filmemacherinnen abzielt, lässt sich vielleicht so denken:
»Es geht zwar – im Kern und als Kontinuum – immer wieder um Reflexion, Frauenprojekte und spezifische Aussagen zum Feminismus, um Frauen-netzwerke außerhalb bis hin zum feministischen Strukturwandel innerhalb des Hauses – aber die Erzählung über die Anfänge, das Fortkommen und den ganzen Bulk an Stadt, Haus, Neuerung, Technologie, Medienkunst, Musik, Haltung, über Projekte und Sphären des gesamten Hauses ist groß angelegt – und sie wird im Film auch von 1979 bis heute ausschließlich von den Frauen gemacht. Das heißt, der kollektive Charakter des Hauses und die vielen kollektiven Projekte werden nicht von den immer gleichen wenigen Männern als letztlich ‚ihre‘ Projekte erzählt, sondern eben von einem Kollektiv an Frauen«, wie Tanja Brandmayr es formuliert.8 Es ist der Film, der ebenso anregt wie feststellt, ein solches »Kollektiv an Frauen« – nachträglich – gebildet zu haben, in der strengen Paradoxie dieser Worte.
Hiermit kommt der weitere Fragehorizont des Films in den Blick’, nämlich was gemeinsame Geschichtsschreibung anbelangt, die allzu oft im Widerspruch zu einem ‚eigentlich‘ in einem Projekt geteilten Selbstverständnis von einem »Anders Machen« steht, dem Verändern von eingefahrenen Hierarchien, Ausgrenzungen, Normierungen, um nur diese in naheliegenden Bezug zum Feminismus zu nennen. Dem stehen im Allgemeinen – in unzähligen Variationen – dennoch Narrative von angeblich aktiven Führungsfiguren und passiv Zuarbeitenden, in verkennenden Wiederholungen eines ‚Ersten‘ und eines ‚Zweiten‘ gegenüber. Es geht um Widerstand, nämlich den gegen unerkannte ‚innere‘ Muster im sogenannten Selbstverständnis, hier eines kollektiven Projekts.
Kunstblut
Der Film nimmt abschließend Rückbezug auf den Titel: mit einem Projekt der Stadtwerkstatt aus dem Jahr 2023: »Bloodproof of Life«: ein angeblicher Echtheitsbeweis des eigenen Lebens mittels entnommenem Bluts, das in Proberöhrchen aufgefangen, mit fälschungssicheren Codes, Videobeweis, unterzeichneten Verträgen und Beurkundungen identifizierbar gemacht, und anschließend zurückgegeben wird, das Herzblut, wie der Kommentar es nennt, verwandelt zu einem Objekt, zu Kunst-Blut. Denn in der »Bloodproof«-Konzeption ist auch eine zusätzliche Kritik an Kunst und Kunstmarkt sowie allgemeiner und internalisierter Regulierung, Überwachung, Durchkapitalisierung, Verdatung des Lebens enthalten, indem die Teilnehmer:innen informiert und gelockt werden, mit der verarbeiteten Blutprobe ein Kunstwerk zurückzuerhalten, das in der Zukunft enorme Wertsteigerungen erfahren könnte. Zugleich werden hohe Restriktionen und Strafen ausgesprochen, wenn unreguliert mit dem Blutkunstobjekt Handel und Spekulation betrieben würde. Hier wird etwas wiederholt, das tagtäglich ‚das Blut aussaugt‘, doch nun nochmals freiwillig unterzeichnet, für eine künstlerische Intervention.
Dass hier keine Genderperspektive, kein Feminismus im Vordergrund zu stehen scheint, ist ein bemerkenswerter Schluss eines Films, der sich als ‚aus feministischer Perspektive‘ annonciert. Sein Schlusswort: »Kunst, Kompliz:innenschaft, Revolte: Transformation und das größere emanzipative Potential des Hauses. Alles blutet ineinander.« Klingt das nicht nach Feminismus, allerdings aufgelöst in »größerem emanzipativen Potential«, also gemischtem, allgemeinen ‚Blut‘? Wird trotz der mitgesprochenen Pause im Wort »Kompliz:innenschaft« eine einseitige Unterstützung »aus feministischer Perspektive« bei einem antikapitalistischen Widerstand gedacht, also einmal mehr eine Unterordnung einer ‚kleineren‘ »Frauenfrage«, wie in marxistischer Tradition verstanden als »Nebenwiderspruch«? Das wäre doch nach dem bisherigen Verfahren des Films eine unwahrscheinliche Wendung. Eine andere Deutung kommt da in den Sinn: dass Herzblutwiese Stadtwerkstatt es nämlich gerade andersherum probiert: eine Auflösung von einer Menge ‚Blut‘, Herzblut, samt dem anhängenden schweren religiösen Symbolismus, in einen eigentlich übergeordneten (intersektionalen) Queer-Feminismus… Lässt sich das Unterfangen als größere feministische Aneignung der gesamten Geschichtsschreibung des Hauses lesen, die dabei anderes will als bloß die Positionen von beanspruchter Aktivität und Passivität, Erstem und Zweitem umzubesetzen?
Zu sehen, ob das stimmt und gelingt, dafür lohnt es sich, die Herzblutwiese Stadtwerkstatt zu testen: Herzbluten, 113 Minuten.
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Herzblutwiese Stadtwerkstatt @ Crossing Europe 2026
Herzblutwiese Stadtwerkstatt läuft bei Crossing Europe 2026. Mehr Infos ab April auf der Webseite des internationalen Filmfestivals.
Crossing Europe Filmfestival Linz
28. April – 3. Mai 2026
www.crossingeurope.at
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Der Herzblutwiese-Gibling
Auch die aktuelle Edition der STWST-Community-Währung Gibling wurde mit Materialien aus dem Film Herzblutwiese Stadtwerkstatt gestaltet.